Analog statt digital: Ist Analogue Living ein Konzept mit Zukunft?

Selfcare und Hausarbeiten

Wie Analogue Living den Lebensstil einer Generation prägen könnte und was dies über den gegenwärtigen Zustand der Gen Z verrät

von Julian Gülch // Ilustration von Josephin Bauer

Ein kurzer Clip zeigt, wie jemand eine Tasse töpfert und bemalt, hinterlegt mit ästhetischer Musik – und erreicht Millionen von Views. Was bis vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war, ist in den sozialen Medien heutzutage Realität. Beiträge von Menschen, die ihren Hobbys öffentlichkeitswirksam nachgehen, erzielen häufig schwindelerregende Aufrufzahlen und offenbaren zugleich ein bezeichnendes Paradoxon: Wie ist erklärbar, dass wir anderen auf digitalen Plattformen dabei zuschauen, wie scheinbar sinnstiftende Tätigkeiten ausgeübt werden, statt diese selbst in der eigenen analogen Welt zu erleben? Warum es sich bei genauerer Betrachtung dabei nur um einen vermeintlichen Widerspruch handelt und welche Rolle die zunehmende Kritik an Social Media und der Trend des „Analogue Living“ dabei spielen, wird im Folgenden aufgezeigt.

Was für ältere Generationen noch selbstverständlich war, ist für die zwischen 1997 und 2012 Geborenen, die Gen Z, inzwischen eher Ausnahme als Regel. Gemeint sind die Gewohnheiten in der Freizeitgestaltung, aktuelle Trends verdeutlichen die Unterschiede zu vorherigen Generationen; so ist die Nutzung des Internets und damit verbundener digitalen Aktivitäten eine der häufigsten Beschäftigungen in Deutschland, während analoge Hobbys wie das Ausüben einer Sportart oder das persönliche Treffen von Freund:innen dagegen an Bedeutung eingebüßt haben1. Ein wesentlicher Grund für diesen Umstand ist die intensive Nutzung digitaler Angebote, gerade durch jüngere Menschen. So liegt die durchschnittliche Bildschirmzeit Jugendlicher bei 3,8 Stunden pro Tag und damit deutlich über dem Durchschnitt aller Altersklassen von 2,3 Stunden2. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass laut einer repräsentativen Umfrage 73% der Menschen aus der Gen Z ihre Bildschirmzeit reduzieren wollen; zudem sehen drei von vier Befragten übermäßige Bildschirmzeit als ein gesamtgesellschaftliches Problem an3.

Die Annahme, dass die Kritik an sozialen Medien jedoch allein auf der gestiegenen Nutzungsdauer beruht, greift zu kurz. Um diese These zu verdeutlichen, hilft ein Blick auf die Entwicklung der größten Social-Media-Plattformen; diese haben sich in den vergangenen Jahren konzeptionell stark gewandelt. Vor allem die Formate kurzer Videos, sogenannte „Reels“, „Shorts“ oder „TikToks“ haben die Art der zugänglichen Inhalte revolutioniert. Gerade TikTok gilt hier als Pionier, da die Kombination aus sehr kurzen Clips und den stark auf individuelle Präferenzen ausgerichtete Inhaltsempfehlung sich grundlegend von Algorithmen unterscheidet, die stärker auf dem sozialen Netzwerk der jeweiligen Nutzenden basieren4. Andere Plattformen folgten diesem erfolgsversprechenden Ansatz von TikTok. Der damit einhergehende Wandel von netzwerkbasierten zu stärker personalisierten Algorithmen sowie der Fokus auf kurze Videos zählt heute zu den zentralen Kritikpunkten gegenüber den sozialen Medien im aktuellen Diskurs. Während Social-Media-Plattformen ursprünglich vor allem die Interaktion mit dem direkten sozialen Umfeld förderten und Inhalte stärker über das eigene Netzwerk verbreitet wurde, sind die Feeds inzwischen darauf optimiert, User:innen möglichst passgenau zugeschnittene Inhalte vorzuschlagen.

Durch die unterschiedlichen Inhaltssphären der User:innen geraten soziale Interaktion und der Austausch mit dem eigenen Umfeld zunehmend in den Hintergrund, was die Wahrnehmung sozialer Zugehörigkeit schwächen kann und im Kern zu einer verstärkten Individualisierung des Medienkonsums beiträgt. Dieser Shift in den Nutzungsgewohnheiten verschiebt den Schwerpunkt von einem stärker gemeinschaftlich geprägten Austausch hin zu einer überwiegend individualisierten Form der Unterhaltung.

Metastudien legen dazu nahe, dass stark personalisierter Inhalt nicht nur die Nutzungsdauer potentiell erhöht, sondern auch das Risiko für psychische Belastungen steigern kann5. Vor diesem Hintergrund erscheint eine zunehmend kritische Haltung gegenüber sozialen Medien, gerade in Bezug auf die individualisierten Designprinzipien, wenig überraschend.

Der gegenwärtige Zeitgeist in Verbindung mit der Unzufriedenheit gegenüber sozialen Medien bringt als Antwort darauf das Konzept des Analogue Living hervor. Dieses umfasst eine bewusst analoge Lebensführung, die sich von der digitalen Sphäre zumindest implizit abgrenzt. Die darin enthaltene Lebensweise betont analoge Tätigkeiten jenseits des Digitalen; typische Beispiele dafür sind einfache und authentische Erfahrungen, die Achtsamkeit fördern, etwa gemeinsames Brettspielen oder das Verfassen eines Journals. Das bewusste Erleben der Aktivität steht dabei im Vordergrund, häufig in Gemeinschaft, um sozialen Austausch zu ermöglichen und zu fördern. Im Kern handelt es sich um eine Rückbesinnung auf analoge Lebensweisen. Analogue Living ist daher als eine Art Gegenentwurf zur schnelllebigen und reizintensiven digitalen Welt zu verstehen. Zuverlässige Zahlen zur Verbreitung dieses Lebensstils fehlen bislang aufgrund der relativen Neuheit; Indikatoren wie die zunehmende Nachfrage nach Töpferkursen und -Studios6 oder der steigende Absatz von Brettspielen7 deuten jedoch darauf hin, dass analoge Aktivitäten wieder stärker nachgefragt werden.

Aufgrund des aktuell hohen Stellenwertes, den das Erleben von Aktivitäten in der Freizeit innehält, fügt sich Analogue Living gut in den derzeit verbreiteten Achtsamkeitsdiskurs ein, der psychische Gesundheit und reizarme, bewusstseinsschärfende Aktivitäten in den Mittelpunkt stellt. Dazu zählen produktive Tätigkeiten wie Meditation, Häkeln oder Yoga, während zugleich stärker stimulierende Aktivitäten wie die exzessive Nutzung von Social Media eher gemieden werden. Durch das Befolgen dieser Praktiken erhofft man sich, eine Reihe von positiven Effekten zu erzielen, darunter eine Verringerung von Stress, eine verbesserte emotionale Regulation und ein Leben, das mit einem gesteigerten Wohlbefinden einhergeht. Daher verwundert es nicht, dass gerade in den sozialen Medien Beiträge über den „Dopamin-Detox“, das „Journaling“ oder „Achtsamkeitsübungen“ mittlerweile weit verbreitet sind und durchaus Anklang gefunden haben.

Die aktuell unsichere Weltlage und damit verbundene Zukunftsaussichten, die auch in den sozialen Medien mitunter intensiv thematisiert werden, könnten ein weiterer Treiber für die Verbreitung des analogen Lebensstils in der Gen Z sein. Studien legen nahe, dass exzessiver Konsum negativer Nachrichten mit mentalen Problemen wie Existenzangst und Misanthropie zusammenhängt8. Auch im alltäglichen Sprachgebrauch sind solche Phänomene bereits in dem Begriff des „Weltschmerzes“ etabliert und werden verstärkt in ihren Auswirkungen thematisiert. Analogue Living tritt an diese Stelle und bietet einen Ausweg aus der Flut negativer News, durch den Rückzug in geschützte Räume, die das innere Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen und von weltlichen Bedrohungslagen entkoppelt scheinen. Dies kann insbesondere dabei helfen, die dauerhafte Konfrontation mit Schlagzeilen und politischen Entwicklungen zu reduzieren. Ereignisse, die nicht unmittelbar erfahren werden, rücken dadurch in den Hintergrund, während das bewusste Tun in der jeweiligen Aktivität und Situation in den Vordergrund tritt.

Zur Verbreitung analoger Lebensweisen trägt auch die darin enthaltene soziale Komponente möglicherweise bei. Analoge Aktivitäten ermöglichen Austausch und Zusammenhalt und stiften darüber hinaus auf individueller Ebene Identität und Sinn. Zudem ermöglichen viele analoge Hobbys eine starke individuelle Identifikation, so dass diese Teil der Selbstwahrnehmung werden können und so zu einer Stärkung der eigenen Identität beitragen.

Paradoxerweise kann der analoge Lebensstil auch in Teilen zur bewussten Profilierung und Distinktion gegenüber Anderen dienen – und das ausgerechnet in den sozialen Medien. Nutzer:innen zeigen dort beispielsweise, wie sie stundenlange Langeweile ohne digitale Ablenkung aushalten, oder welche anspruchsvollen Bücher in kürzester Zeit gelesen wurden. Diese exemplarische Form der Darstellung offenbart, dass Analogue Living eine Vielzahl an Motiven vereint – darunter das Streben nach verbesserter mentaler Gesundheit, sozialem Anschluss oder als Form der Distinktion gegenüber anderen. Im Kern scheint es, als befinde sich der Trend des analogen Lebensstils noch in einem frühen Stadium; daher ist schwer abschätzbar, ob und in welcher Form langfristig nachhaltige Veränderungen der Lebensumstände bewirkt werden können. Die Mutmaßung, analoge Lebensweisen führen automatisch zu besserem Wohlbefinden, ist daher zum aktuellen Zeitpunkt genauso fehlgeleitet wie die Annahme, es handle sich primär um Selbstdarstellung.

In welcher Form und ob sich die analoge Lebensform in Zukunft überhaupt durchsetzt, bleibt daher aktuell äußerst ungewiss. Sicher ist dagegen bislang, dass sich darin eine Vielzahl an Bewältigungsformen offenbart, die versuchen, passend und angemessen auf aktuelle Probleme der Gen Z zu reagieren. Identitätsfragen, abnehmende soziale Bindungen, Überforderung durch düstere Zukunftsszenarien und digitale Reizüberflutung, werden allesamt in dem Trend des Analogue Living auf verschiedenste Weisen adressiert. Das Konzept des Analogue Living kann daher weit mehr als ein kurzzeitiger Trend sein – es kann als proaktiver Coping-Mechanismus verstanden werden, der die kollektiven wie individuellen Herausforderungen der Gen Z zu bewältigen versucht. Es steht damit einerseits für die Herausforderungen der Gen Z, andererseits aber auch für die kreativen Lösungsansätze, die aus einer Neuorientierung von Lebensführung und Konsumgewohnheiten entstehen können. Analogue Living ist weniger eine generelle Ablehnung des Digitalen als ein Versuch der Gen Z, Gemeinschaft und Identität in Zeiten des Wandels neu zu verhandeln und etablierte Praktiken kritisch wie kreativ zu hinterfragen.

Damit lässt sich abschließend auch erklären, warum es nur ein vermeintliches Paradoxon ist, anderen bei der Ausübung von analogen Hobbys auf Social Media zuzuschauen. Im Konsum ästhetischer Töpfer-Videos stecken deutlich mehr Motive als lediglich oberflächlicher Konsum, es vereint sich darin das Bedürfnis vieler nach sinnstiftenden und erfüllenden Tätigkeiten in einer zunehmend durch digitale Lebensweisen geprägten Welt. Dass es sich dabei weniger um Selbstinszenierung und vielmehr um die Verbreitung eines analogen Lebensstils im Digitalen handelt, ist kein Widerspruch. Ganz im Gegenteil kann es bezeichnend für den innovativen Umgang der Gen Z mit veränderten Rahmenbedingungen sein, die derzeit nach angemessenen Bewältigungsstrategien sucht. Es bleibt dabei spannend zu beobachten, ob Analogue Living ein nachhaltigen Lösungsansatz für eine ganze Generation werden kann oder doch nur einen weiteren kurzzeitigen Trend verkörpert.

1 BAT Stiftung für Zukunftsfragen (5. August 2025). Ranking der beliebtesten Freizeitaktivitäten der Deutschen im Jahr 2025. In Statista. Zugriff am 28.11.2025, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2002006/umfrage/beliebteste-freizeitaktivitaeten-der-deutschen/

2 mpfs. (14. November 2025). Wie viel Zeit verbringst du täglich am Smartphone? In Statista. Zugriff am 28.11.2025, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1426928/umfrage/durchschnittliche-taegliche-bildschirmzeit-am-smartphone-bei-jugendlichen/

3 Vodafone. (2023). Jugendliche wünschen sich mehr bildschirmfreie Zeit. Abgerufen am 28.11.2025, von https://newsroom.vodafone.de/jugendliche-wuenschen-sich-mehr-bildschirmfreie-zeit

4 Bhandari, A., & Bimo, S. (2022). Why’s Everyone on TikTok Now? The Algorithmized Self and the Future of Self-Making on Social Media. Social Media + Society, 8(1). https://doi.org/10.1177/20563051221086241 (Original work published 2022)

5 Keles, B., McCrae, N., & Grealish, A. (2020). A systematic review: the influence of social media on depression, anxiety and psychological distress in adolescents. International journal of adolescence and youth, 25(1), 79-93.

6 Balci, A.. (2023). Hobby-Trend: Töpfern. Süddeutsche Zeitung. Abgerufen am 2.12.2025, von https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/stil/hobby-trend-toepfern-e906392/?utm_source=chatgpt.com&reduced=true

7 Spieleverlage e.V.. (2025.). Umsatztreiber Spiele & Puzzle. Abgerufen am 2.12.2025, von https://www.spieleverlage.com/spieleverlage-e-v-zur-spiel-2025-in-essen/

8 Shabahang, R. et al. (2024). Doomscrolling evokes existential anxiety and fosters pessimism about human nature? Evidence from Iran and the United States. Computers in Human Behavior Reports, 15, 100438.

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