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Warum traditionelle Animation eigene künstlerische Räume eröffnet

Text: Toni Henke und Vanessa Stöter // Fotos und Videos: Toni Henke und Vanessa Stöter


Traditionelle Animation wird oft als Ergänzung zum Schauspiel verstanden oder als alternative Lösung, wenn reale Darsteller:innen nicht zur Verfügung stehen. Zudem ist es Künstler:innen ein Anliegen, den Ruf der Kindlichkeit ablegen zu können, der diesem Bereich des Filmemachens zugeschrieben wird. Dabei übersieht man leicht, dass Animation – insbesondere in handgemachten Formen – nicht nur eine andere Technik ist, sondern eine eigene Art des Erzählens. Sie bietet gestalterische Möglichkeiten, die sich beispielsweise vom Schauspiel unterscheiden und gerade dadurch künstlerisch interessant sind. Animation muss demzufolge keine (gespielte) Realität abbilden, um glaubwürdig zu sein. Sie kann Bewegungen, Emotionen und Zustände zeigen, ohne an einen menschlichen Körper gebunden sein zu müssen. Diese Freiheit macht sie zu einem Medium, das weniger interpretiert als konstruiert – und genau darin liegt ihr Reiz.


Stop-Motion mit Puppen – gestaltete Präsenz statt gespielter Performance

In der Puppen-Stop-Motion entstehen Figuren nicht durch schauspielerische Leistung, sondern durch Gestaltung, Bewegung und Rhythmus. Jede Geste wird bewusst gesetzt, jede Veränderung entsteht aus einem Eingriff. Filme wie Coraline oder Fantastic MrFox zeigen, wie aus minimalen Bewegungen und klaren Formen emotionale Wirkung entstehen kann, ohne sich auf realistisches Schauspiel zu stützen. Die Figuren wirken nicht menschlich im klassischen Sinn, und genau das eröffnet neue Ausdrucksmöglichkeiten. Viele Regisseure setzen beispielsweise auf die überzeichneten, stark stilisierten Charaktere aus Romanvorlagen und geben diesen mit markanten Puppen ihre karikaturartige Visualisierung. Haltung, Tempo und Wiederholung übernehmen Funktionen, die im Schauspiel meist Mimik oder Stimme tragen. Für die Künstler:innen bedeutet das, sich intensiv mit der Wirkung von Bewegung auseinanderzusetzen und Ausdruck nicht zu spielen, sondern zu entwerfen.


Knetanimation – Material als erzählerisches Element

Knetanimation arbeitet besonders sichtbar mit Materialität. Knete verändert sich, trägt Spuren der Bearbeitung und reagiert direkt auf Bewegung. Deswegen bietet es sich an, sie als zusätzliches Medium zu Puppenanimation hinzuzuziehen. Die maßgeblichen Eigenschaften werden nicht versteckt, sondern bewusst genutzt. In Filmen wie Wallace & Gromit oder Chicken Run entsteht Charakter weniger durch realistische Darstellung als durch Form, Textur und Timing. Im Gegensatz zum Schauspiel, bei dem das Material des Körpers meist in den Hintergrund tritt, bleibt es in der Animation präsent. Material wird hier zum Bedeutungsträger. Dadurch eröffnet das eine zusätzliche Ebene der Gestaltung: Entscheidungen über Stofflichkeit, Form und Stabilität werden Teil der Erzählung. Quasi ein naratives Do It Yourself in purer Form.


Papieranimation – Abstraktion und Vereinfachung

Papieranimation reduziert Bewegung und Form auf das Wesentliche. Figuren müssen nicht laufen, sie können gleiten oder springen. Räume können sich verändern, ohne erklärt zu werden. Perspektive bekommt so eine neue Wertigkeit. Diese Technik erlaubt es, Gedanken, Erinnerungen oder Stimmungen visuell umzusetzen, ohne sie realistisch darstellen zu müssen. Gerade expressive Gedanken und abstrakte Ideen lassen sich so ganz wunderbar darstellen. Schon frühe Werke wie The Adventures of Prince Achmed zeigen, wie stark diese Form der Abstraktion sein kann. Auch moderne Cut-Out-Animationen nutzen diese Freiheit, um Geschichten zu erzählen, die weniger auf Handlung als auf Atmosphäre und Idee setzen. Hier liegt eine Qualität, die sich klar vom Schauspiel unterscheidet, ohne es zu ersetzen.


Animation als bewusste Gestaltung

Ein zentraler Aspekt traditioneller Animation ist die Kontrolle über jede einzelne Bewegung. Nichts geschieht zufällig, alles ist Ergebnis einer Entscheidung. Wie in der Kunst üblich, aber hier auf die Spitze getrieben, muss der Prozess selbst gewürdigt und akzeptiert werden. Durch die extreme Form der Handwerklichkeit gilt diese Form des Filmemachens auch als herausfordernd auf eigentümliche Weise. Die Herangehensweise führt zu einer anderen Form von Ausdruck als in vergleichbaren Kunstformen, die stärker von Interpretation, Moment und Präsenz leben. In einer Zeit, in der visuelle Medien zunehmend auf technische Perfektion und Realismus setzen, bietet traditionelle Animation einen bewussten Gegenpol, der beispielsweise durch Filmstudios wie Studio Ghibli vertreten wird. Diese Kunstform macht Prozesse sichtbar und erlaubt persönliche, experimentelle Zugänge, die wir nicht verlernen und auch aus Zuschauersicht mehr schätzen sollten.

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