Nostalgie – ein Gefühl wie ein zweischneidiges Schwert 

von Julian Gülch // Illustration von Luca Butt

Ein paar Sekunden eines alten Lieblingssongs reichen, um für einen Moment schlagartig zehn Jahre in die Vergangenheit zu reisen.
Es überrascht mich immer wieder, wie plötzlich das Gefühl der Nostalgie aus dem Nichts auftritt und die Gegenwart für einen Moment verblassen lässt. Die Vergangenheit ist durch kaum eine andere Emotion so präsent erlebbar wie durch die Nostalgie, zudem geht damit häufig ein Stückchen Wehmut einher. Dabei ist der konkrete Auslöser von nostalgischen Gefühlen individuell sehr verschieden. Für die einen ist es das Anschauen von alten Fotos, bei den anderen ist es das Zurückerinnern an das erste Semester und bei wieder anderen ist es der Duft von Plätzchen, der einen schlagartig in längst vergangene Tage zurückkatapultiert.  

Schaut man im Duden nach, so ist Nostalgie die vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert“.  Interessant an dieser Definition ist zunächst einmal, dass das Unbehagen an der Gegenwart der Auslöser für das Gefühl unbestimmter Sehnsucht sein soll. Begründen lässt sich dies im Sinn von Nostalgie als Form der Gegenwartsflucht, als psychologischer Coping-Mechanismus – eine kognitive Rückblende auf frühere, vermeintlich bessere Zeiten, in denen die drängenden Probleme der Gegenwart noch nicht existierten.
Dabei wird schnell ersichtlich, dass die Vergangenheit nur vermeintlich besser war, es handelt sich nämlich um eine stark verklärte Sicht auf früher. Da menschliche Erinnerungen immer selektiv im Gehirn gespeichert werden, bleiben häufig nur die Highlights und weniger die negativen Eindrücke aus der Vergangenheit im Gedächtnis. Kein Wunder also, dass meist nur positive Erinnerungen bleiben. 

Erklären lässt sich die verzerrte Wahrnehmung mit der Funktion von Nostalgie als Werkzeug zur Verbesserung des mentalen Wohlbefindens. Gerade in schwierigen Phasen verspricht das Aufkommen von Nostalgie kurzzeitige Besserung, aus der neue Kraft geschöpft werden kann. So kann beispielsweise die Erinnerung an den vergangenen Sommerurlaub dabei helfen, der bedrückenden Stimmung des tristen Winters für einen Moment zu entfliehen. Darüber hinaus kann Nostalgie für die eigene Identitätsbildung von großer Relevanz sein und soziale Verbundenheit mit anderen schaffen und stärken.
Jedoch birgt die Realitätsflucht durch nostalgische Gefühle auch die Gefahr der Gegenwartsverdrängung: Wenn Probleme der Gegenwart permanent über einen längeren Zeitraum unterdrückt werden, kann dies gravierende Folgen haben. Plötzlich kann so ein kleines Problem zu einem großen heranwachsen, etwa wenn die verhaute Klausur beispielsweise zu einem Abbruch des Studiums führt. 

Wie Nostalgie letztendlich wirkt, ist stark individuell unterschiedlich.
Wichtig ist in diesem Kontext zu bedenken, dass Nostalgie verschiedenste Ausprägungen und Effekte annehmen kann, sowohl in eine positive als auch in eine negative Richtung. 

Nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gemeinsamer Ebene wirkt Nostalgie in verschiedenen Formen – da wäre schließlich noch das kollektive Gefühl der Nostalgie, bei dem durch geteilte Trigger nostalgische Gefühle bei vielen Menschen ausgelöst werden. Googelt man beispielsweise nach Bildern zur Nostalgie, findet man zuhauf Motive, die bezeichnend für ganze Generationen zu sein scheinen. Von gelben Telefonzellen über Kaugummiautomaten bis hin zu Schallplattenspielern sind unterschiedlichste kollektive visuelle Nostalgieobjekte auffindbar, die sich leicht zur jeweiligen Alterskohorte zuordnen lassen. 

Bei uns in der heuler-Redaktion waren es vor allem alte Kinderserien, Pokémonkarten, Fidget Spinner, Kaugummizigaretten und Werbung von früher, (wer kennt noch die Paula-Werbung?!), die Nostalgie bei uns auslösen. Faszinierend, wie einfach schlichte Gegenstände und Medien ein so starkes gemeinsames Gefühl auslösen können. 

Die Renaissance des Y2K Modestils, von Rennrädern, Kabelkopfhörern und dem Häkeln verwundert vor diesem Hintergrund daher kaum – die Befriedigung kollektiver Nostalgie nimmt verschiedenste Formen an. 

Problematisch kann es mit der kollektiven Vergangenheitssehnsucht werden, sobald Akteure gezielt die nostalgische Seite von Menschen ausnutzen. Die Werbebranche setzt seit Jahren gezielt auf solche Methoden, und auch Parteien nutzen diese Masche. So wird plötzlich eine Rückbesinnung auf die vermeintlich gute alte Zeit als Rechtfertigung für das eigene politische Programm genutzt. Besonders prominent dazu steht der Claim „Make America Great Again“. Aber auch in Deutschland wird zur Legitimierung restriktiver oder konservativer Positionen häufig die „gute alte Zeit“ und damit auch bewusst die nostalgischen Gefühle der Menschen ausgenutzt. Allzu häufig funktioniert diese Strategie, die sich zur kollektiven Manipulation eignet. Dabei kann schon etwas Distanz und Skepsis, wenn es um Nostalgie im öffentlichen Raum geht, helfen, um solche Methoden zu enttarnen. 

So wie auf individueller Ebene zu viel Nostalgie auf Dauer nicht hilfreich ist, lähmt sie auf kollektiver Ebene das zielgerichtete Lösen von gesellschaftlichen Problemen. Wenn anstatt Probleme der Gegenwart anzugehen, der einfache Ausweg in eine nostalgische und damit auch geschlossene Zeitperspektive gewählt wird, drohen Probleme der Gegenwart und die Gestaltungsoffenheit der Zukunft immer mehr an Relevanz zu verlieren. So unangenehm es manchmal auch sein mag, so wichtig ist es, dass sich eine Gesellschaft den unangenehmen Problemen der Gegenwart stellt – und sich nicht durch nostalgische Gefühle die Chancen auf eine lebenswerte Zukunft rauben lässt. 

So stellt sich immer mehr heraus, dass Nostalgie weit mehr ist als nur ein eigenartiges und besonderes Gefühl.
Neben all den beschriebenen Seiten von Nostalgie zeigt uns diese aber auch den Kern des Menschseins auf. In kaum einem anderen Moment wird uns die Vergänglichkeit von Zeit so bewusst, und damit auch ihre Endlichkeit aus individueller Perspektive. Das macht Nostalgie manchmal so schmerzvoll, aber zugleich auch so sinnstiftend. 

Was bleibt, ist ein Gefühl überraschender Wehmütigkeit und gleichzeitig ein Hauch von Unvergänglichkeit, die uns für einen Moment die Erinnerung in vollen Zügen spüren lässt. Solche Erlebnisse sind im Alltag selten und entsteigen unserer alltäglichen Lebenswelt. Daher ist Nostalgie mehr als nur ein x-beliebiges Gefühl – sie ist Weltflucht, die Droge der krisengeplagten Gegenwart schlechthin. 

Ich werde mir jetzt noch ein wenig die Playlist meiner alten Lieblingssongs anhören – so viel Realitätsflucht darf schließlich auch mal sein!

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