Geplatzte Vollversammlung – Wie konnte sowas passieren?

Von Janne Döscher / Illustration: Luca Butt

Die studentische Vollversammlung ist im Sommersemester beinahe schon Ritual geworden. Die Studierendenvertretung hat in den Jahren nach der Corona-Pandemie eine Vollversammlung im SoSe abgehalten. So sollte es auch in diesem Jahr sein – doch die Einladung platzt unter spektakulären Umständen. Erst Ankündigen, dann Verschieben, schließlich Absagen. Was ist in der Studierendenvertretung los, dass es zu einem solch einmaligen Vorgang kommt?

Was ist überhaupt eine studentische Vollversammlung?

Es gibt in der Studierendenvertretung die gewählten Strukturen – wie bspw. die Fachschaftsräte, den StuRa oder den AStA. Die studentische Vollversammlung ist eine Versammlung für alle Studierenden der Uni Rostock. Die Vollversammlung findet nur statt, wenn sie aktiv einberufen wird. Dabei trifft die Vollversammlung keine verpflichtenden Entscheidungen, sondern berät Anträge, die dann in das Studierendenparlament (StuRa) weitergeleitet werden. Es ist also ein beratendes Gremium und soll insbesondere den Studierenden die Möglichkeit geben, eigene Themen einzubringen.

Bei der Vollversammlung können theoretisch alle 12.853 Studierende anwesend sein. In den letzten Jahren waren meist zwischen 600 und 700 Studierende im Audimax und Arno-Esch-Hörsaal anwesend. Die Beschlüsse der Vollversammlung werden durch eine breite Masse an Studis getragen. Damit kann dann die gewählte Studierendenvertretung die Interessen der Studierendenschaft direkter vertreten.

Aber auch die Studierenden haben die Möglichkeit, die Arbeit der Studierendenvertretung kennenzulernen und mit Gremienvertreter:innen sowie Studierenden aller Fachbereiche ins Gespräch zu kommen.

Einberufung durch den StuRa

Die studentische Vollversammlung kann über zwei Wege einberufen werden: Erstens über einen Beschluss des StuRa oder zweitens über eine Unterschriftensammlung von drei Prozent aller Studierenden. Der StuRa braucht für die Einberufung einer Vollversammlung die absolute Mehrheit der gewählten Mitglieder des gesamten StuRa. Meist beruft der StuRa eine Vollversammlung ein, da der Weg einfacher ist, als so viele Unterschriften zu sammeln.

Es ist mittlerweile ein kleiner Rhythmus zustande gekommen, sodass jedes Sommersemester eine Vollversammlung stattfindet. Im Dezember 2025 hat der aktuelle StuRa den offiziellen Beschluss gefasst, dass es im SoSe 26 eine Vollversammlung geben soll (30 Ja-Stimmen, 2 Nein-Stimmen, keine Enthaltung). Dazu wurde bereits zuvor ein Ausschuss eingesetzt, der die Vollversammlung organisieren soll. Dort sind StuRa-Mitglieder freiwillig aktiv, um den gefassten Beschluss auch in die Tat umzusetzen. Daneben muss die Leitung des StuRa – das StuRa-Präsidium, bestehend aus zwei Personen (Präsident:in und Vize-Präsident:in) – bei der Organisation der Vollversammlung aktiv sein. Im November 2025 waren es neben dem StuRa-Präsidium noch 13 Mitglieder im Ausschuss, die nun die Vollversammlung planen sollten.

Nach dem Beschluss einer Vollversammlung muss diese innerhalb von zwölf Vorlesungswochen stattfinden. Mit dem Beschluss am 10.12.2025 muss die Vollversammlung im Zeitraum bis zur dritten Mai-Woche angesetzt werden. Im Beschluss enthalten ist bereits ein Oberthema für die Vollversammlung: Der Leitantrag ist „Eine Uni für alle? Wie sozial ist dein Studium?“.

In den folgenden Wochen wurde der Termin ins Auge gefasst. Dort wurde versucht, einen geeigneten Termin an einem Mittwoch zu finden, weil dort nachmittags generell weniger Lehrveranstaltungen stattfinden. Aber durch andere Termine im April und Mai – bspw. den Internationalen Tag am 06.05.26, wichtige Gremiensitzungen an den Mittwochen im April und den verschiedenen Feiertagen – wurde der Termin auf einen Dienstag verlagert. Nach Absprachen mit dem Rektorat wurde die Einberufung auf den 28.04.26 gesetzt.

Rücktritte und Überlastung sorgen für das Debakel

Lange Zeit hörte man in den Gremiensitzungen von AStA und StuRa nichts von der Vollversammlung. Der zuständige Ausschuss und das StuRa-Präsidium waren fleißig am Planen. Die Planung einer Vollversammlung ist nicht nur die Organisation der großen Hörsäle und das Verschicken einer Einladung. Es braucht eine aktuelle Website, ein Portal zum Anträge einreichen, die Organisation von Verpflegung (Essen und Getränke für die teilnehmenden Studis), die digitale Infrastruktur in beiden Hörsälen, Informationsmaterial, die Planung des Ablaufes sowie den dazugehörigen Sachverhalten (Abstimmung, Auszählen) und viele kleinere Dinge mehr.

Dann spitzte sich die Lage stetig zu. Der AStA war zu Beginn des Jahres 2026 noch stark unterbesetzt. Einzelne Referate sind noch unbesetzt, einige mehr werden nur kommissarisch geführt und sind damit neu zu besetzen. Dazu kommt der Rücktritt des StuRa Vize-Präsidenten im Februar 2026. Der Posten wird noch kommissarisch für eine Zeit (wohl 1-2 Monate) ausgeführt, aber der StuRa Vize-Präsident möchte zeitnah das StuRa-Präsidium verlassen. Im Ausschuss für die Vollversammlung scheint die Arbeitsbelastung ebenso zu hoch zu sein.

Auf der StuRa-Sitzung am 18.03.2026 verkündet der Vorsitzende des Ausschusses seinen Austritt und erklärt, dass der Ausschuss nicht gut funktioniert und die Vollversammlung so nicht organisiert werden kann. Es braucht dringend mehr Unterstützung durch aktive Mitglieder. Nach diesem scheinbaren Hilferuf gibt es keine größeren Hilferufe mehr. Es geistert auf den Fluren der Studierendenvertretung nur ein ungutes Gefühl herum, wenn man auf die Vollversammlung zu sprechen kommt.

Schluss, Aus, Vorbei – Absage der Vollversammlung

Den ersten Schlusspunkt setzt dann die verpatzte Einladung für die Vollversammlung. In den Ordnungen der Studierendenschaft ist festgelegt, dass die Einladung zur Vollversammlung mit einer Tagesordnung 14 Tage vor der Versammlung an alle Studierenden verschickt werden muss. Diese kleine Vorgabe wurde verfehlt und damit konnte der geplante Termin am 28.04.2026 nicht gehalten werden.

Die Frist verstrich am 14.04.2026, woraufhin am 15.04.2026 prompt eine kurze Aussage an alle Universitätsmitglieder vom StuRa-Präsidenten verschickt wurde. Zusammengefasst stand drin: Frist gerissen, wir müssen aber eine Vollversammlung machen, wir verschieben dann mal um zwei Wochen. Mit dieser sehr kurzen Antwort kommt es innerhalb der Universität zu großem Unmut – scheinbar war die Information noch nicht weiter abgestimmt.

Auch studentische Gremienvertreter:innen sind überrascht von der Entscheidung. Im Verlauf des Tages wird viel diskutiert und gesprochen – die StuRa-Sitzung am Abend des 15.04.2026 wird zur Bühne der Vorkommnisse.

Auf der StuRa-Sitzung wird ein neuer Tagesordnungspunkt ergänzt. Als neuer Punkt wird „Vertrauensfrage“ in die Tagesordnung ergänzt, scheinbar wird der StuRa-Präsident nach der kurzfristigen Verschiebung den StuRa fragen, ob es dafür und insgesamt noch Rückhalt für seine Arbeit gibt. Verwundert sind dann doch einige Mitglieder und wir selbst, dass der Punkt als interne Angelegenheit nur unter den StuRa-Mitgliedern diskutiert werden soll. Öffentlichkeit soll nicht zugelassen werden. Auch in der Abstimmung wird klar, dass der Punkt intern abgehalten wird – vorrangig aufgrund des Schutzes von personenbezogenen Daten.

Allerdings wollten einzelne Teilnehmende der StuRa-Sitzung dies nicht hinnehmen. Im Tagesordnungspunkt „Beschlusskontrolle“, der vor dem Punkt „Vertrauensfrage“ liegt, wird die Vollversammlung angesprochen. Man will jetzt für alle offen und transparent diskutieren, wie es mit der Vollversammlung weitergehen soll.

Die Diskussion dauert lange und es fliegen viele Argumente durch den Raum. Der Grundtenor der Diskussion ist die Überlastung im Ausschuss für die Vollversammlung und zu wenig aktive Organisator:innen, um eine Vollversammlung auch in späteren Wochen umsetzen zu können. Daneben steht der Punkt, dass eine Verschiebung den kompletten Semesterplan durchwirbelt und an dem neuen Termin bereits Prüfungsleistungen geplant sind. Einzelne StuRa-Mitglieder sprechen sich für eine Verschiebung aus, da die Vollversammlung eine wichtige Veranstaltung ist. Dem wird zwar nicht widersprochen, es zeichnet sich aber das Bild ab, das die Organisation im Sommersemester gescheitert ist.

Am Ende der Diskussion wird abgestimmt, ob der Beschluss zur Einberufung der Vollversammlung aufgehoben werden soll. Es stimmen 22 Mitglieder mit Ja, 5 Mitglieder mit Nein, 2 Mitglieder mit Enthaltung – damit wird die Vollversammlung abgesagt.

Mit einem witzig gemeinten Zitat aus der StuRa-Sitzung kommen wir zum Schlusspunkt: „StuRa hin, StuRa her – Vollversammlung gibt’s nicht mehr!“

Einsichtige Kommunikation, aber was verändert sich jetzt?

Die Studierenden werden am folgenden Donnerstag (16.04.2026) in einer längeren E-Mail über die Absage und die Hintergründe informiert. Die Dozierenden erhalten am folgenden Tag eine kürzere Fassung, die im Dienstleistungsportal der Uni einsehbar ist.

Der StuRa bittet um Entschuldigung und erklärt das Vorgehen der letzten Tage. Wie man diese Entschuldigung bewerten soll, überlassen wir euch als Studierenden selbst. Für uns ist relevant, was bedeutet das für den Zustand der Studierendenvertretung und welche Schlüsse werden nun daraus gezogen?

Das Debakel der abgesagten Vollversammlung ist ein Versagen auf verschiedenen Ebenen. Grundsätzlich scheitert diese Vollversammlung an zu geringer Beteiligung innerhalb der Studierendenvertretung. Das beruht auf fehlendem Engagement im AStA und im StuRa, wo mittlerweile viele vakante Sitze entstanden sind. Schauen wir auf die Beteiligung bei der Abstimmung zur Absage der Vollversammlung – es haben 29 Mitglieder des StuRa teilgenommen, der StuRa hat in seiner Grundstruktur 55 Mitglieder. Wir sehen demnach schonmal eine Diskrepanz bei der Teilnahme und der möglichen Anzahl. Dazu werden gegenwärtig zwar viele AStA-Referate neu besetzt, es bleiben nur AStA-Vorsitz, AStA-Digitales und AStA-Studium und Lehre unbesetzt (3 von 13 Referaten). Aber mit vielen neuen Menschen kommt auch eine gewisse Einarbeitungsphase.

Damit kommen wir auf den Punkt: Machen die Studierenden an der Uni Rostock einfach zu wenig bei der Studierendenvertretung mit? Es ist eine Hypothese, die wir als Beobachtende eher verneinen würde. Denn es ist eher kein Problem zu weniger aktiver Studierenden, sondern der schlechten Kommunikation und Präsenz der aktuellen Studierendenvertretung.

Viele Studis kennen ihre Fachschaftsräte und besuchen deren Veranstaltungen. Die Fachschaftsräte sind eine Konstante auf den Campus und sind in der Breite stabil aufgestellt. Die obere Ebene von AStA sowie StuRa haben diese Konstanz nicht und verlieren seit Jahren an Stabilität. Viele Studierende haben nur den Kontakt zum Fachschaftsrat und erleben den AStA durch Vakanz oder schlechter Rückmeldung eher als negativ. Ein Beispiel für fehlende Kommunikation ist die Erhöhung des Semesterbeitrages für das Sommersemester 2026. Eine E-Mail mit einer Erklärung kam erst nach Beginn des Semesters und war von einzelnen Fehlern gespickt. Ist das die normale Kommunikation mit den Studierenden, die man vertreten möchte?

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Studierendenvertretung nun orientiert und ob sie den Vorfall der Vollversammlung aufarbeitet – so wie es versprochen wurde. Klar ist, die abgesagte Vollversammlung ist nur ein Symptom für den schlechten Zustand in einzelnen Bereichen der Studierendenvertretung.

Aber: Dieses negative Bild soll nicht das Ende des Artikels sein. Auch wenn die abgesagte Vollversammlung ein Debakel ist, kann man daraus Energie schöpfen. Grundsätzlich könnt ihr als Studierende, die eine Vollversammlung haben wollen, selbst aktiv werden – durch eine Einberufung im Wintersemester oder eine Kandidatur für den neuen StuRa. Bis zum 11. Mai könnt ihr für den neuen StuRa (ab WiSe 26/27) kandidieren, um vielleicht einzelne Punkte des Artikels oder eurer Probleme in die Studierendenvertretung einbringen zu können. Dabei ist klar, wenn mehr Studierende für den StuRa kandidieren, können die Aufgaben besser verteilt werden.

Informationen zur StuRa-Wahl findet ihr in unserem aktuellen Heft 140 überall auf dem Campus und auf der Website für die StuRa-Wahl.

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