Von Max Edel // Illustration von Lara Kaminski
Die Pirouette, laut Duden eine „schnelle Drehung um die eigene Achse auf dem Standbein.“
Möchte man heute aktuell bleiben, dann ist das fast nur noch mit einem solchen artistischem Einsatz zu bewältigen. Um dazu einen Beitrag zu leisten, soll hier eine weltpolitische Pirouette angesetzt werden. Eine, die eine Auswahl und einen Ausblick geben soll, was vor der Haustür aber auch sonst in der Welt so passiert.
Ein gewagter Akt, aber dennoch einer, den ich für wichtig halte. Dennoch kann er nicht mehr sein als eine Auswahl an Themen. Es gibt viel zu viele wichtige Themen, die aufzubereiten und in einen Text zu packen, schlicht kaum machbar ist. Aber da Pirouetten auch nicht nach einer Umdrehung enden müssen, sind alle dazu aufgefordert, sich selbst weiter mit den Dingen der Welt auseinanderzusetzen.
Europaweite Schülerproteste
In einem Beitrag der ZEIT werden die Ereignisse rund um die europaweiten Proteste wie folgt beschrieben: „Hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene gingen in den vergangenen Tagen in vielen Ländern Europas auf die Straße. Sie protestierten in Frankreich, Italien, Albanien, Spanien, Serbien, Portugal und Großbritannien, außerdem in Belgien, Irland und Griechenland.“ Besonders viele junge Menschen und junge Erwachsene waren Teil der Bewegungen, die sich auch heute noch mit weiteren Protesten fortsetzen. Allerdings kam es auch zu Zwischenfällen, besonders brisant in Frankreich.
Am ersten Wochenende verloren dort eine 17-Jährige Schülerin ein Auge und ein 17-Jähriger Schüler seine rechte Hand. Es kam auch zu massiver Gewalt und Plünderungen von Geschäften. In solchem Ausmaß, dass an diesem Wochenende manche französische Städte kaum wiederzuerkennen sind. Sicherheitspersonal, bis zu 70.000 Polizisten im Einsatz, vernagelte Geschäfte, eingestellter Verkehr und Ausgangsperren. Um nur ein paar zu nennen.
Bei all den Schlagzeilen und all der Gewalt, die diese Ereignisse überschatten, sehen wir allerdings die guten Gründe überhaupt nicht mehr. Schüler wollten für bessere Chancen und Grundlagen an Schulen kämpfen. Die ZEIT berichtete dazu: „Französische Oberstufenschüler blockierten wochenlang ihre Schulen, um kleinere Klassen, kürzere Schultage und sichere Studienplätze zu fordern. Seit dem Chaostag spricht kaum noch jemand darüber.“
Die Motive sind fundamentaler Natur und zeigen mit dem Finger auf ein Problem, was auch bei uns nicht fremd ist. Die junge Generation fühlt sich nicht gesehen, nicht gehört und mit ihren Problemen allein gelassen. Was leider den Bereich Schule stark mit einbezieht. Vor allem jetzt, nach den katastrophalen Pisa-Ergebnissen, die wieder einmal zeigen, dass man an das Versprechen: Bildung lohnt sich, kaum noch zu glauben vermag. Doch die Motive für die schwelenden Konflikte hören hier noch nicht auf.
Spanien und Italien
In Spanien ist die mediale Aufmerksamkeit mittlerweile etwas abgeklungen und auch die angelegten Protestlager in Madrid werden nach und nach weniger. Das Sindicato de Inquilinas, der Verein »Mieterinnengewerkschaft« hatte gegen die hohen Mieten zum Protest aufgerufen. In Madrid, Barcelona und anderen Städten zieht sich die Bewegung mittlerweile etwas zurück, da es am 11. November zum Generalstreik kommen soll. Diese Bewegung bestand nicht nur aus jungen Menschen, da Wohnen ein Thema für alle ist. Dennoch beteiligten sich auch viele Jugendliche an den Forderungen für bezahlbaren Wohnraum.
In Rom demonstrierten vor dem Bildungsministerium ebenfalls tausende Schüler:innen am vergangene Freitag. Die Motive ähneln dabei denen der französischen Schüler:innen. Die Proteste in Rom liefen dabei allerdings größtenteils friedlich ab. Was allerdings nicht in ganz Italien der Fall war, da es in Mailand und Turin ebenfalls zu Plünderungen und Gewalttaten gekommen war. Die öffentliche Meinung über die Motivation der Proteste und den darauffolgenden Handlungen lässt sich gut mit den Worten der italienischen Politik beschreiben: Das Innenministerium bezeichnete die Beteiligten als „professionelle Unruhestifter“, während Massimo Cacciari (Philosoph und Politiker) sie als „junge Europäer ohne Hoffnung“ charakterisierte.
Wahlüberraschung aus Serbien
Serbien. Was dort gerade vor ein paar Tagen geschafft wurde, soll ein Bild erzählen: „Die Traube löst sich erst auf, als eine Blaskapelle vor der Tür aufmarschiert und die ungläubigen Sieger nach draußen lockt. Dort tanzen sie im Kreis Kolo, den südslawischen Volkstanz. »Ich kann es nicht fassen«, ruft die Lehrerin Katarina Šćepanović, Kandidatin auf Listenplatz fünf.“ Die letzten Wahlen haben das Land politisch auf den Kopf gestellt.
Nachdem Viktor Orban in Ungarn als autokratischer Herrscher abgewählt worden war, ist nun in Serbien etwas Ähnliches passiert. Nur heißt der Mann, der 14 Jahre an der Spitze Serbiens stand und das Land fest im Griff hatte, Aleksandar Vučić. Er wurde allerdings nicht von nur einer schillernden politischen Person des anderen Lagers überraschend geschlagen. In Serbien war es eine Liste von unbekannten „Amateurpolitiker:innen“, die auf einer Wahlliste von serbischen Studierenden antraten.
So verrückt das allein schon klingt, so absolut großartig ist dieses geglückte „Demokratieexperiment“. Serbien und seine jungen wie alten Menschen zeigen uns allen, dass es sich immer noch lohnt an die Demokratie zu glauben. Dass Autokratie keine Sackgasse sein muss, auch nach 14 Jahren nicht.

„Gen Z regelt“
Neben den Bewegungen in Europa war es lange still in Deutschland. Das soll jetzt passé sein. Die leider mit unklaren Organisationsstrukturen agierende Initiative „Gen Z regelt“ hat für den 31. Oktober zu landesweiten Protesten aufgerufen. Inhaltlich ist die Initiative mit mehreren Themen rund um Wehrpflicht, bezahlbaren Wohnraum und mehr Investitionen in Bildung und Schule den Bewegungen aus Spanien, Italien und Frankreich ähnlich. Dennoch hat sich bereits die Bundesschülerkonferenz (BSK) von der Initiative distanziert, da man gewaltsame Ausschreitungen während der Wochenendproteste vermutet.
Für den 20. November hat die BSK deswegen eigene Proteste und Demonstrationen angemeldet, die unter dem Leitsatz und politischem Auftrag der Konferenz stattfinden sollen. Es geht darum mit denen, die die Dinge in der Hand haben, in Diskussion und Gespräch zu kommen, nicht sich mit Gewalt Luft zu machen. Auch wenn die Lage, in der die Jugendlichen in ganz Europa stecken, nicht sonderlich rosig aussieht.
Gewalt im Zusammenhang mit angestrebter Veränderung kann nicht und soll niemals die Lösung sein. Wir verändern nichts, wenn wir dafür etwas zerstören müssen. Wut ist eine Emotion, die man ernst nehmen sollte. Vor allem dann, wenn es um den Generationenkonflikt geht. Nicht gesehen zu werden, dazu gehören immer mindestens zwei. Jemand, der nicht sieht und jemand, der nicht gesehen wird. Doch wenn wir denen, die nicht sehen wollen oder können, nur Backsteine an den Kopf und durch die Scheiben schmeißen, dann kann das zwar ein Hilfe- oder Weckruf sein, aber am Ende nicht die Lösung.
»Seid laut. Aber seid nicht gewalttätig.«
Auch die Bundesbildungsministerin Karin Prien beschwört die Protestierenden am Wochenende nicht zu Gewalt zu greifen. Sie ermutigt sie aber auch laut zu sein und ihren Standpunkt ganz klarzumachen. Außerdem bietet sie den beteiligten Schülern und Schülerinnen, sowie allen anderen jungen Erwachsenen den Dialog zu den Themen an.
„White-Power“ im Landtag
Tommy Thormann, AfD-Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern. Fast könnte man meinen, dass ich mir diesen Namen ausgedacht hätte, so passend wie er ist, wenn man über jemanden aus dem rechtsextremen Spektrum spricht. Doch Thormann heißt auch wirklich so und steht bereits nach seiner kurzen Landtagskarriere in der Kritik. Während der konstituierenden Sitzung des Landtags fiel der Politiker mit einer Geste auf, die sehr stark an die „White-Power-Geste“ der rechten Szene erinnert.
White-Power symbolisiert die angebliche „Vormachtstellung und Überlegenheit der weißen Rasse“ (ich glaube, dass ich dagegen nicht groß zu argumentieren brauche). Allerdings ist sie auch recht ähnlich zu der „OK-Geste“, die Taucher zur Kommunikation unter Wasser verwenden. Die AfD-Landtagsfraktion kommentierte die Geste Thormanns wie folgt: »Wir stellen hiermit noch mal klar, dass es sich für uns und für Herrn Thormann nicht um ein politisches Symbol handelt« und an anderer Stelle; »Für Herrn Thormann bedeutet die Geste schlicht: Läuft«.
Da Thormann bereits zu vor negativ auf einer Demonstration aufgefallen ist, als er Gegendemonstranten der Linkspartei gegenüber mutmaßlich sagte: „sobald wir in Regierungsverantwortung kommen, [werden wir M. E.] euch in Grund und Boden verbieten“. Der Nordkurier führte daraufhin ein Interview mit dem Extremismusexperten Stefan Kollasch vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in MV, der gegenüber dem Nordkurier sagte: „[Herr Thormann sei] ein klarer Vertreter von rechtsextremen Akteuren in der AfD, die immer mehr an Einfluss gewinnen“ und „[Thormann sei weiter dem] völkischen Ultranationalismus“ zuzuordnen.
Ein Vorfall und Thema, was Bauchschmerzen bereitet. Zumindest mir, im Hinblick auf zukünftige Entscheidungen, Debatten und Themen im Landtag.
US- und Israel-Wahlen
Am 27. Oktober wurde in Israel das Parlament gewählt, während in den USA die Zwischenwahlen vor der Tür stehen. Nach den Ergebnissen der Wahlen in Israel hat weder das Lager um Ministerpräsident Netanjahu noch sein Herausforderer (der ehemalige General Gadi Eisenkot) eine Mehrheit von 61 Sitzen erreicht. Das Bündnis um Netanjahu hat dabei aber mit 53 zu 48 Sitzen im Parlament die Wahlen gewonnen. Damit steht eine erneut das rechte Bündnis um Netanjahu und seiner Partei an der Spitze der israelischen Regierung.
Während nun die verschiedenen Parteien in Israel Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung führen, sollen die Wahlergebnisse laut Eisenkot von Netanjahu „delegitimiert“ werden. Ein Vorgehen, welches nicht nur in Israel zu beobachten ist, sondern bereits bei den US-Wahlen, hier in Deutschland und auch in Brasilien zuletzt Thema war. Da die Stimmenzählung nun auch offiziell beendet worden ist, bleibt nun abzuwarten, wie sich die Akteure verhalten werden.
Demokraten vs. Republikaner
Doch auch in den USA wird kräftig Wahlkampf betrieben und einer ist dabei auch wieder von der Partie: Barack Obama. Er soll den Demokraten im Endspurt der Zwischenwahlen den entscheidenden Punkt bringen, um die Mehrheit im Senat zugunsten der Demokraten zu kippen. Bereits jetzt wurden wieder wahnsinnige Summen im US-Wahlkampf gespendet. Ob Donald Trump und die Republikaner das Rennen am Ende doch noch gewinnen können, bleibt abzuwarten.
Vor allem fehlt es ihnen auch an einer Person, die Obama entgegentreten könnte. Jemand der nicht im aktiven Dienst des Präsidenten steht oder selbst der Präsident ist. Zwar können die Zwischenwahlen Donald Trump nicht verhindern. Zwei Jahre Präsidentschaft bleiben ihm immer noch. Was auch für den Rest der Welt bedeutet, dass es noch weiter spannend bleibt. Allerdings könnten diese Wahlen ein Blick dahin sein, was nach der Ära Trump passieren könnte, sollten die Demokraten den/ die nächsten Präsidenten/ Präsidentin stellen können.
Und jetzt?
Jetzt? Bist du dran. Wir drehen uns für dich einmal um die Welt und zurück, doch du musst selbst weiter Teil des politischen Lebens sein wollen. Eine Auswahl, die zeigt, was so passiert. Doch schauen, lesen und denken, dass musst du ganz alleine weiter tun.
Seid gespannt darauf, wenn die Weltpolitische Pirouette ihre nächste Runde dreht.
Tschau!
- DIE ZEIT online:
- »Ich war sauer. Ich wollte nichts kaputtmachen«
- Der Traum von der Bildungsnation
- Warum überall in Europa junge Menschen rebellieren
- Serbische Studentenliste fordert nach Wahlsieg baldige Machtübergabe
- Ab heute sind sie Politiker
- Ihr seid super – Gänsehaut! Aber schon auch spooky!
- Bundesschülerkonferenz plant für 20. November Protest in Berlin
- Schülerkonferenz und Polizei rechnen mit Gewalt bei Jugendprotesten
- Bundesbildungsministerin Karin Prien bietet jungen Leuten Dialog an
- AfD-Politiker in Mecklenburg-Vorpommern für Handgeste kritisiert
- Parlamentswahl in Israel
- Reißt er die Demokraten noch einmal mit?
- Der Nordkurier online:
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Video hält Drohung fest: Will dieser AfD-Landtagskandidat die Linke „in Grund und Boden“ verbieten?
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