Tatort: Alter Strom

von Felicitas Ehmig. Fotos: Jollisa Rusin.

Die Täterin: Das Opfer auf 8 Uhr, ca. 175 cm groß, weiblich, schlank und sportlich. Das Fischbrötchen in ihren Händen: Matjes mit einem Hauch Chili, meine Lieblingssorte. Mittlerweile kenne ich fast alle Geschmäcker. Es ist viel leichter, sich das Mittagessen auf der Straße zu holen, als extra auf das Meer hinaus zu fliegen. Es geht A schneller und B erweitern Remoulade und andere Gewürze das Gaumenerlebnis. Schon beim ersten Mal probieren bin auf den Geschmack gekommen. Fisch ist am leckersten, aber wenn es mal nichts wird, geht auch dänisches Softeis, vorzugsweise mit Lakritz-Streuseln. Stopp, sage ich mir, konzentriere dich. Meine Gedanken dürfen nicht abschweifen. Nicht, wenn der Magen knurrt. Ich stehe auf dem Dach eines Fischkutters, die Augen nun auf die Frau gerichtet und verfolge jede ihrer Bewegungen. Dies würde kein einfacher Kampf werden. Aber sie hat keine Ahnung, mit wem sie es zu tun bekommen würde.

Das Opfer: Ich werde beobachtet. Für manche Dinge hat man im Leben einfach einen sechsten Sinn. Ich spüre den Blick in meinem Nacken, drehe mich um und suche den Gehweg nach einer verdächtig aussehenden Person ab. Niemand. Meine Augen wandern weiter, diesmal nach oben. Dort, auf einem Fischkutter sitzt sie, nur ein paar Meter von mir entfernt. Weiß, groß und schön, ihr Blick auf mein Fischbrötchen gerichtet. Eine Silbermöwe. Ich schlucke. Es ist nicht irgendein Vogel, sondern eine Warnemünder Silbermöwe, spezialisiert auf alles Essbare in den Händen von Frauen, Männern und Kindern zwischen Bahnhof und Strand. Nicht schon wieder. Erst vor wenigen Tagen wurde mir mein Crêpe Am Strom aus den Händen stibitzt. Ich war stehen geblieben und bevor ich den Überfall überhaupt realisierte, flog mein Crêpe bereits über die Dächer hinweg. Dies dürfte nicht erneut passieren. Meine Hände umklammern das Brötchen fester. Ich fange an zu gehen, biege in eine kleine Straße ab, um meine Verfolgerin loszuwerden. Geschafft. Soll sie sich ein anderes Opfer aussuchen. Ich war schon dran. Getrost will ich den ersten Bissen nehmen, dann bleibe ich abrupt stehen. War da etwa ein Flügelschlag in meinen Ohren oder werde ich schon paranoid? Ich drehe mich um und blicke erneut nach oben: Ich hatte mich nicht getäuscht, sie ist mir doch gefolgt. Aber es ist nicht die Gleiche. Diese ist jünger, das Gefieder noch braun und nicht grau. Auch sie schaut konzentriert auf das, was sich in meinen Händen befindet. Bitte nicht noch eine. Diese eine Sekunde der Unachtsamkeit, in der ich den Jungvogel anblicke, wird zu meinem Verhängnis. Meine eigentliche Verfolgerin, von der ich dachte, ich sei sie los, fliegt fast geräuschlos herab, schnappt das Brötchen und macht sich genauso schnell wieder aus dem Staub. Mein Matjes war weg. Nie würde ich wissen, wie er geschmeckt hätte.

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