Von Janne Döscher / Illustration: Luca Butt
Am 09.04.2026 tummelte sich die Politprominenz am Rande des Südstadtcampus. Von der Albert-Einstein-Straße nicht direkt erkenntlich wurde seit einigen Jahren an den Wohnheimen in der zweiten Reihe (Max-Planck-Straße 1-5) gebaut. Eine Erweiterung der bestehenden Wohnheime wird im Rahmen des nahenden Wahlkampfes gerne genutzt. Der Jubel um die neuen Wohnheimplätze ist groß, aber ist diese Erweiterung vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Ausgangslage in Rostock
Das Studierendenwerk Rostock-Wismar betreibt im Stadtgebiet viele einzelne Wohnheime. Die größte Konzentration an Wohnheimplätzen befindet sich am Südstadtcampus in der genannten Max-Planck-Straße und auf dem Südstadtcampus selbst (zusammengenommen 941 Plätze). Daneben gibt es zwei Wohnheime in der Ulmenstraße mit insgesamt 116 Plätzen. In der Innenstadt verteilen sich über 3 Gebäude in Summe 172 Plätze. Am Stadtrand gibt es noch das Wohnheim in Lichtenhagen und Warnemünde, in denen 314 Studierende Platz finden.
Somit stehen den Studierenden der Uni Rostock, der hmt und der Hochschule Wismar (Standort Warnemünde) 1.543 Plätze zur Verfügung. Die Erweiterung in der Max-Planck-Straße umfasst mit der heutigen Eröffnung 152 weitere Wohnheimplätze. Bis 2028 sollen in einer zusätzlichen Erweiterung noch einmal 126 Plätze entstehen.
Die Erweiterung an der Max-Planck-Straße ist ein wichtiger Schritt, allerdings sieht man auf den sozialen Kanälen der Landespolitik einen wichtigen Faktor, der die positive Stimmung vermiest. Der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dirk Stamer, schreibt unter dem Reel zur Eröffnung: „1.000 Studierende ohne Wohnung – das ändern wir!“ [1]
Wohnraum ist und bleibt Mangelware?
Die komplette Erweiterung umfasst also 2028 insgesamt 278 Plätze – das ist ein Viertel der von dem SPD-Landtagsabgeordneten dringend benötigten Plätzen. Mit der Aussage „Das ändern wir!“ muss man allerdings hart ins Gericht gehen. Die Erweiterung an der Max-Planck-Straße ist momentan das einzige laufende Bauvorhaben zur Erweiterung der Wohnheimplätze in Rostock. Damit fehlen auf langfristige Sicht die weiteren 722 Wohnheimplätze.
Um den genauen Bedarf und eine Bewertung der aktuellen Situation vornehmen zu können, haben wir das Studierendenwerk Rostock-Wismar angefragt. Sie betreiben die Wohnheimplätze für die Hochschulstandorte Rostock und Wismar.
Bei der Frage nach dem Bedarf an zusätzlichen Wohnheimplätzen antwortet das Studierendenwerk differenziert: „Der Bedarf an bezahlbarem studentischem Wohnraum ist in Rostock weiterhin hoch. Dies zeigt sich unter anderem an den regelmäßig eingehenden Wohnheimbewerbungen und den Wartelisten zum Beginn der Wintersemester. Zum Wintersemester 2025 standen in Rostock 405 freie Wohnheimplätze zur Verfügung. Gleichzeitig gingen mehr als 1.300 Bewerbungen für Wohnheimplätze ein. Die Wartelisten können in der Regel im Verlauf des Wintersemesters weitgehend abgearbeitet werden, dennoch bleibt die Nachfrage nach preisgünstigem studentischem Wohnraum auf einem hohen Niveau.“.
Dabei hat sich laut Studierendenwerk der Wohnungsmarkt in Rostock für Studierende in den letzten Jahren weiterentwickelt und leicht verbessert. Allerdings finden Studierende meist nur eine Wohnung, die wesentlich höhere Mietkosten mit sich bringt. Das Studierendenwerk ergänzt bei dieser Frage: „Vor diesem Hintergrund lässt sich der tatsächliche zusätzliche Bedarf nicht allein anhand der Zahl der Bewerbungen oder Wartelisten bestimmen. Unsere Wohnheime bieten ein besonders attraktives Gesamtpaket aus vergleichsweise günstiger Miete, möblierten Zimmern sowie einfacher Anmietung. Ein Teil der Bewerberinnen und Bewerber entscheidet sich daher zunächst für einen Wohnheimplatz, findet bei einer Absage aber auch eine Unterkunft auf dem freien Markt.“
Trotz dieser nicht eindeutigen Einschätzung gibt das Studierendenwerk abschließend eine Spanne an notwendigen Wohnheimplätzen ab: „Aus Sicht des Studierendenwerks werden allerdings auch nach Abschluss der derzeit laufenden Erweiterungsmaßnahmen zusätzlich etwa 500 bis 800 weitere Wohnheimplätze in Rostock benötigt, um allen Studierenden ein Zuhause zu sozialverträglichen Preisen zu bieten. Eine exakte Bedarfszahl lässt sich jedoch nicht belastbar ermitteln.“
Entspannung aber fehlende Perspektive
Das Studierendenwerk sieht also eine entspanntere Lage für die Studierenden in der Hansestadt. Wir wollen aber auch die langfristige Perspektive einnehmen und wollen schauen, wie diese zusätzlichen Plätze von 500 bis 800 Einheiten entstehen sollen.
Dort wird erkennbar, dass es aktuell keine Perspektive seitens der politisch Verantwortlichen gibt. Die Erweiterung an der Max-Planck-Straße ist die einzige Baumaßnahme zur Erweiterung der Wohnheimplätze in Rostock. Es stehen laut Studierendenwerk momentan auch keine Projekte im Raum, die in Rostock in Planung sind. Allein in Wismar wird aktuell das Wohnheim in der Friedrich-Wolf-Straße 23 saniert.
Dieses Projekt wird über das Bund-Länder-Programm „Junges Wohnen“ umgesetzt, bei welchem mehr sozialer Wohnraum für Studierende und Auszubildende geschaffen werden soll. Dazu gehört der Neubau und die Sanierung von bestehenden Wohnangeboten. Das Programm läuft mit weiteren Fördermitteln bis 2030, weshalb sich die Frage aufdrängt, warum die Mittel nicht für weitere Projekte genutzt werden.
Dazu gibt das Studierendenwerk folgendes Statement ab: „Grundsätzlich begrüßt das Studierendenwerk Förderprogramme wie „Junges Wohnen“, da sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung und zum Erhalt bezahlbaren studentischen Wohnraums leisten können. Ob und in welchem Umfang bis 2030 weitere Wohnheimplätze entstehen, hängt jedoch wesentlich von der Verfügbarkeit geeigneter Grundstücke, den Förderbedingungen sowie den erheblichen Baukostensteigerungen der vergangenen Jahre ab.“
Schaffung von studentischem Wohnraum ist komplex
Mit den gestiegenen Baupreisen werden neue Projekte immer schwieriger quantifizierbar und damit ist die Finanzierung ein erhebliches Problem. Neben den fehlenden Grundstücken spielt die Förderung eine zentrale Rolle. Am Ende eines neuen Bauprojektes muss eine sozialverträgliche Miete stehen, die nur möglich ist, wenn die Baukosten gefördert werden.
Dazu kommt die Problematik bei der Sanierung von bestehenden Wohnheimen. Komplette Wohnheime, die einer Sanierung bedürfen, können schlecht komplett freigezogen werden. Es gibt keine Alternativen für die Studierenden und daher ist laut dem Studierendenwerk eine Sanierung im bewohnten Zustand die beste Variante, um vor allem die Studierenden nicht vor Herausforderungen zu stellen. Das bedeutet, dass Maßnahmen im Bereich Sanierung wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Dafür erstellt das Studierendenwerk einen langfristigen „Sanierungs- und Instandhaltungsplan“. Aber auch hier werden die Planungen aufgrund von Kosten, Verfügbarkeit von Fachkräften und unwirtschaftlichen Ausschreibungsergebnissen erheblich erschwert.
Schlussbetrachtung: Atempause allerdings nicht lange
Mit dem Erweiterungsbau in der Max-Planck-Straße wird die Situation für Studierende zwar kurzfristig entspannter, aber es fehlt die Perspektive. Hier müssen wir auch die nun abgesagte BAföG-Reform betrachten. Für umfangreichen Kontext lohnt sich der Blick auf unseren heuler-Artikel zur BAföG-Reform.
Gibt es keine Erhöhung der Wohnkostenpauschale, erhalten Studierende im Bereich Wohnen keine Entlastung. Die Alternative zum Wohnheimplatz ist für Studierende zum Teil schwer zu finanzieren und stellt sie vor große Herausforderungen im Bereich der Studienfinanzierung. Die Schaffung von mehr sozialverträglichen Wohnheimplätzen würde diese prekäre Situation entlasten, die Erhöhung der Wohnkostenpauschale würde die Problematik ergänzend etwas lindern.
Für die Entwicklung der Hochschulstandorte in Rostock ist es wichtig, dass mehr Wohnheimplätze zur Verfügung stehen. Sie entlasten die Studierenden langfristig und ermöglichen ein Studium unter gerechteren Bedingungen. Es herrscht ebenso ein politischer Anspruch, dass wir als Bundesland im Bereich Wissenschaft mit anderen Standorten mithalten. Da wir als Bundesland weniger Finanzmittel zur Verfügung haben, müssen wir über andere Bedingungen einen Ausgleich schaffen und das kann die Schaffung von günstigem Wohnraum sein. Insbesondere die Fördermittel aus dem Topf „Junges Wohnen“ sollten schnellstmöglich und umfänglich genutzt werden. Das Studierendenwerk steht laut den Aussagen bereit, über weitere Projekte für die Zukunft zu sprechen. Initiator muss aber die politische Ebene sein, da es für neue Projekte Geld und Grundstücke braucht.
Deswegen besteht genau jetzt die Chance, einem bestehenden Mangel an Wohnheimplätzen mit konkreten Projekten zu begegnen, um unsere Hochschulstandorte in diesem Bereich fit für die kommenden Jahrzehnte zu gestalten.
[1] https://www.instagram.com/reel/DW6Yjz8CB1L/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==
