Illustration: Luca Butt
Mir fehlt ein Wort für die Bauchschmerzen, die ich jahrelang abends hatte.
Mir fehlt ein Wort für das Weinen-Wollen-Und-Nicht-Können, für die Staudämmigkeit meiner Augenlider und die routinierten Griffe, mit denen ich sie zu brechen weiß.
Mir fehlt ein Wort für die Sisyphos-Sehnsucht, dich zu füllen mit Erinnerungen und Anekdoten, die ich aus anderen Mündern ziehe wie altes Kaugummi. Wie ich jede achtlos zerknüllte Anekdote geflissentlich auflese und mir einverleibe und wiederkäue, in der Hoffnung, ihren Geschmack auf meine Zunge zu tätowieren.
Mir fehlt ein Wort für die Missgunst, ob der Unbeschwerlichkeit, ob des Behüteten, das ich anderen Menschen zuschreibe.
Mir fehlt ein Wort für die entschuldigende Geste, mit der ich von dir erzähle, wenn ich zu meinem Vater befragt werde. Und die Routine, die es ist, mich zu krümmen und rücklings auf dem Boden zu liegen, sodass ich die Emotionen meines Gegenübers ordnungsgemäß auffangen kann.
Mir fehlt ein Wort für das Gefühl, wenn ich meine, beim Blick in den Spiegel ähnliche Linien wie auf deinem Gesicht zu erkennen, eine Ahnung von Ankommen. Wie ich das verteidigen würde mit allem, was ich habe.
Mir fehlt ein Wort für das Gewicht der Ketten, die du mir hinterlassen hast, wie sie meinen Brustkorb beschweren und mich aufrechter gehen lassen, die Drohung eines Buckels wohnt ihnen schon inne.
Mir fehlt ein Wort für die Einsamkeit, ob der zaghaften Finger, mit denen ich nur noch angefasst werde von den allermeisten, wenn es ausgesprochen ist. Wie ich es manchmal nicht aushalte und in anderen Momenten nichts anderes erlaube.
Mir fehlt ein Wort für das Gefühl des verschwörerischen Zusammenhalts, den ich mit all jenen spüre, denen du bedeutsam warst.
Mir fehlt ein Wort für die Schamfreude, die im Türrahmen hängt / dieser Wohnung, durch die Raufasertapeten trieft es vor überreifen Pickeln meiner Erinnerungen, auf jedem Quadratzentimeter überlappen sich die Anekdoten, verschränken sich ineinander, halten Gefühle aus, die ich nicht auszusprechen wage.
Mir fehlt ein Wort für die kapitulierende, lähmende Ruhe, die mich wie eine Gewichtsdecke ummantelt, sobald ich durch die Tür trete.
Mir fehlt ein Wort für den blank geputzten Flur und die Erinnerung an die Notwendigkeit, diese Wohnung wie mein größtes Geheimnis zu wahren, vor jedem prüfenden Blick zu schützen, denke an den Stolz und die Wut, wenn jemand in diese Festung einzudringen drohte.
Mir fehlt ein Wort für den Schmerz, für die langsam in mir wachsende Einsicht, wie Pilzsporen, ihre Fäden in mich vertiefend und erweiternd, bis jede Erinnerung von ihnen durchzogen war, an das Erschrecken bis heute, wenn ich eine lang nicht besuchte Erinnerung wiederentdecke und sie doch nicht erkenne, sie ist schwarz gekleidet, Kopf bis Fuß, und ist wütend auf alles.
Mir fehlt ein Wort für die Verbundenheit, mit ihm jetzt die Wut zu teilen. Und die Distanz, die uns guttut. Wie ich ihn verteidigen würde mit allem, was ich habe.
Es ist Muttertag und ich denke darüber nach, wer meine Mutter gewesen wäre, wenn es mich und meinen Bruder nicht oder erst später gegeben hätte.
Es ist Muttertag und ich denke an den willkürlichen Zufall, dass mein Bruder und ich Mutter und nicht Vater teilen und wie entscheidend das wohl für unsere Beziehung zueinander ist. Ich denke an die Limitiertheit von Blut und Biologie, denke an meine Cousine, die unseren Opa bis heute Papa nennt, weil er das für sie immer war. Ich denke an meine Brüder, die im konservativsten Sinne keine sind – daran, wie wir vier Kinder von zwei Müttern und vier Vätern waren, unsere Leben so eng miteinander verwoben, dass sie im Kindergarten nicht zu trennen wussten, wer wohin gehörte. Und wie doll ich grinsen muss bis heute, wenn ich an uns vier denke.
Es ist Muttertag und ich denke daran, dass Schuld geteilt werden kann, ohne, dass die einzelnen Teile weniger wiegen als ihr Gesamtes. Ich denke an die Hilflosigkeit und die Unterstützung, an das Schweigen und die Räume, in denen ich sprechen konnte, die Räume, in die sie mich auch selbst brachte, trotz allem.
Mir fehlt ein Wort dafür: Ich seh dich in der Küche stehen und kochen, dann uns beide, tanzend und umarmt, lachend und schräg singend, unsere eigenen elternkindlichen Klischees erfüllend.
Es ist Muttertag und ich denke daran, wie schwer all diese Gleichzeitigkeiten für mich auszuhalten sind, wie sehr ich mir das erkämpfen muss, vor anderen, und genauso sehr vor mir selbst.
Es ist Muttertag und ich denke an die, die wie eine zweite Mutter für mich war. Die mir erzählte, sie habe sich immer eine Tochter gewünscht. Ich denke an all die Menschen, die mir mütterlich waren in verschiedenen Ausmaßen, an Dani, an Margret, an die zweite Dani, an Achim, an Tine, an Dirk, an Isabel, an Tante Rita, an Carmen, an Beate, an Iveta, und auch an meine langjährigen Verbündeten, die mich sanft und mit Nachdruck vor jeden Spiegel zerren, an dem ich bewusst vorbeilaufe, die so zart mit mir sind rund um diesen Tag, die nachfragen und die Stille aushalten. Wenn ihr fragt, was ich mir wünsche, dann sag ich: Am liebsten ist mir, wenn ihr mit mir wütend seid.
DENN es ist Muttertag und ich denke daran, wie ich von dieser meinen Geschichte erzähle, und Menschen dann sagen, ich könne stolz auf mich sein, als hätte ich mir diese Resilienz ausgesucht, als hätte ich mir selbst die Menschen gesucht, die mich so gehalten haben, als wären all diejenigen, die es „nicht geschafft haben“, auch irgendwie ein ganz klein bisschen selbst Schuld.
Ich denke daran, dass Menschen mir zuhören und immer noch glauben, dies sei eine tragische Geschichte, eine unglückliche Aneinanderreihung von Ereignissen, ein Versagen meiner Mutter, meines Vaters, meines Umfelds, ein Hoffnungsschimmer, eine Aufstiegsgeschichte, das Leben einer starken, jungen Frau, die sich aus ihrem Umfeld rausgekämpft hat, ein Beispiel dafür, dass man es eben doch schaffen kann, du kannst stolz sein auf dich, aber ich wollte nie stark sein.
