von Julian Gülch // Illustration von Lara Kaminski
Keine Frage – der Einstieg in das Studium ist mir als Studierende erster Generation deutlich schwerer gefallen als anderen Studierenden aus akademisch geprägten Elternhäusern.“ Dies berichtet Helene, aus einem Elternhaus ohne akademischen Bezug, nachdem sie ihr Studium vor kurzem in Rostock abgeschlossen hat. Mit diesen Herausforderungen ist Helene jedoch nicht allein; nach einer Studiengangsbefragung der Uni Rostock aus dem Wintersemester 2021/2022 sind ganze 48,5 % der Befragten Erststudierende1, d.h. die erste Person in der Familie, die ein Studium beginnt. Für diese große Personengruppe, auch FirstGens genannt, ergeben sich spezifische Herausforderungen, die sich im Verlauf ähneln und auf vergleichbaren Begebenheiten beruhen. Trotz der großen Anzahl an betroffenen Personen scheint das Thema jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung kaum thematisiert zu werden.
Bildungsungleichheit als Kernfaktor
Das nahezu die Hälfte aller Studierenden an der Uni Rostock aus nicht-akademisch geprägten Elternhäusern stammen überrascht insofern, da die Hürden des Bildungszugangs für Studierende erster Generation deutlich höher sind, als es für Personen mit akademisch gebildeten Eltern der Fall ist.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus 2021: demnach beginnen gerade einmal 27 % der Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern ein Studium — ein starker Kontrast im Vergleich zu den 79 % von Kindern aus akademischen Elternhäusern2. Im Verlauf des Studiums verstärken sich diese Unterschiede, wie in der Darstellungen des sogenannten „Bildungstrichters“ eindeutig zu erkennen ist.

Die Ursachen für die unterschiedlichen Bildungswege sind vielschichtig – so auch bei Helene. „Der Zugang zur Uni war schon eher schwierig. Zum einen wusste ich und auch meine Familie wenig über die Struktur des Studiums und damit auch die Voraussetzungen, die nötig sind, um erfolgreich studieren zu können. Darüber hinaus war schon während der Schulzeit die familiäre Unterstützung aufgrund verschiedenster Faktoren eher gering, sodass der Aufwand, überhaupt das Abi zu erreichen, vergleichsweise groß war.“
Bildungsungleichheit fußt nicht nur in Helenes Fall häufig auf der geringen informellen familiären Unterstützung. Diese betrifft inhaltliche Aspekte (wie beispielsweise die Unterstützung bei Hausaufgaben), sowie Kenntnisse über strukturelle Besonderheiten des Studiums. Da vielen nicht-akademischen Eltern häufig die eigenen Erfahrungen und fundiertes Wissen über das Studium als Option für den Lebensweg fehlt, wird den eigenen Kindern eher eine Ausbildung oder ein anderer Berufsweg empfohlen. Dies wiederum schlägt sich in den Zahlen der Erstsemester aus erster Generation wieder.
Zusätzliche Herausforderungen
Die Probleme für FirstGens hören jedoch nicht mit der Aufnahme des Studiums auf. Denn im Verlauf des Studiums kann das Verhältnis zu den Eltern auf die Probe gestellt werden. Für manche Studierende erster Generation kann der Bildungsaufstieg auch Veränderungen im Verhältnis zur eigenen Familie mit sich bringen. Helenes Verhältnis zu ihrer Familie sei zwar durch das Studium nicht nachhaltig beeinträchtigt gewesen, jedoch haben die tiefgreifenden Veränderungen des Studiums zu anderen Lebensphilosophien geführt, die letztendlich in einem gewissen Grad der Entfremdung mündeten.
Sie betont jedoch auch, dass ihre Familie sie während des Studiums emotional unterstützt habe, sie aber große Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Struktur des Studiums leisten musste.
Im Gegensatz dazu fällt es Eltern mit einem akademischen Hintergrund naturgemäß aufgrund der eigenen Biografie leichter, die Herausforderungen und Bedürfnisse von Studierenden nachzuvollziehen und darauf aufbauend Unterstützung für die eigenen Kinder anzubieten, wie beispielsweise das Korrekturlesen von Haus- oder Abschlussarbeiten. Dabei sind es vor allem Kenntnisse zu wissenschaftlicher Methodik, die ein großer Unterstützungsfaktor darstellen können und in Zuge dessen zu einer wahrgenommenen Erleichterung des Studiums für die Kinder führen können. Selbstverständlich ist diese Art der Unterstützung nicht garantiert und darüber hinaus sind noch weitere, Sozio-Demographische Faktoren für die großen Unterschiede mitverantwortlich.
Vorteilhaften Nebenwirkungen?
Die Liste an Gründen für die Unterschiede im Studium zwischen Studierenden aus akademischen- bzw. nicht-akademischen Elternhäusern ließe sich noch deutlich länger weiterführen.
Für den Bildungsweg von FirstGens nach dem Bachelorabschluss gibt es zumindest erfreuliche Nachrichten: Ab diesem Punkt verringern sich die Ungleichheiten zu den Kindern von Akademiker-Eltern, bezogen auf das Verhältnis der Personen, die den nächsthöheren Bildungsabschluss erreichen.
Gründe dafür könnten sein, dass Studierende erster Generation eher intrinsisch motiviert sind. Eine Studie aus 2023 nennt diesen Umstand als primären Faktor für den späteren beruflichen Erfolg, so übernähmen Studierende erster Generation mit 48% eher Führungspositionen, sofern sie innere Motivation verspüren3. Daraus kann ein Vorteil gegenüber anderen Personen entstehen, der sich im späteren Berufsleben auszahlt. Gleichwohl kann höhere Motivation keineswegs die strukturellen Nachteile ausgleichen. Denkbar wäre auch, dass die höhere Motivation die Voraussetzung für FirstGens ist, um das Studium überhaupt erfolgreich gestalten zu können.
Andererseits bestehen auch nach dem ersten akademischen Abschluss Benachteiligungen für FirstGens. Die Ursachen dafür beziehen sich überwiegend auf den informellen privaten Raum und das familiäre Umfeld. An dieser Stelle setzen Organisationen wie ArbeiterKind.de an, deren primäre Aufgabe es ist, sich für die Förderung des Hochschulstudiums von Nicht-Akademikerkindern in Deutschland einzusetzen. Hierbei handelt es sich um eine kostenlose Anlaufstelle, die von Ehrenamtlichen in 80 lokalen Gruppen organisiert ist – darunter auch in Rostock. Die Treffen sind monatlich und können eine wichtige Hilfestellung bieten (weitere Informationen: https://arbeiterkind.de/mitmachen/lokale-gruppen/rostock/).
Für zukünftige FirstGens kann ein geschärftes öffentliches Bewusstsein für die Problematik und die Verbreitung von Unterstützungsangeboten Ungleichheiten minimieren. Aber auch Hochschulen und die Politik sind in der Pflicht, Nachteile zu minimieren. Das sieht auch Helene so: „Hätte ich früher von den Hilfsangeboten gehört, wäre mir einiges an Stress erspart geblieben. […] Für zukünftige Studis erster Generation bin ich zuversichtlich, dass die Unterschiede abgebaut werden und jeder sein individuelles Potenzial entfalten kann – in welcher Hinsicht auch immer“.
1 Stabsstelle für Hochschul- und Qualitätsentwicklung (2022). Befragung der Studienanfänger:innen der Universität Rostock.
2 Meyer-Guckel, V., Klier, J., Kirchherr, J., & Suessenbach, F. (2021). Vom Arbeiterkind zum Doktor: Der Hürdenlauf auf dem Bildungsweg der Erststudierenden. Stifterverband/McKinsey Diskussionpapier, 2.
3 Ullrich, S., Schalück, M., Sander, T., & Wieland, J. (2023). Das schlummernde Potenzial der „First Generation Professionals“, Boston Consulting Group.
