von Julian Gülch // Illustration von Luca Butt
Manchmal muss man erst seine Privilegien verlieren, um zu erkennen, in welch komfortabler Situation man sich zuvor befand. Beispiel gefällig?
Die Zeit verrinnt an diesem Vormittag unglaublich langsam; es scheint Ewigkeiten zu dauern, bis die Veranstaltungen verstrichen sind und die wohlverdiente Mittagspause endlich angetreten werden kann. Wie an jedem Unitag macht man sich schließlich mittags auf den Weg zur nächstgelegenen Mensa, bis man schließlich merkt, dass diese ausnahmsweise geschlossen ist. Der Schock sitzt tief – hatte man sich doch so auf die kurze Ausflucht aus dem anstrengenden Unitag gefreut.
So dürfte es vielen Studis ergehen, wenn das zugegebenermaßen fiktive Beispiel Wirklichkeit werden sollte – gerade weil die mittägliche Mensierung für viele ein fester Bestandteil des Unialltags ist.
Dabei steht neben der kostengünstigen Mahlzeit vor allem der Austausch mit Freund*innen und Kommiliton*innen im Vordergrund.
Was bei all der Gewohnheit jedoch schnell in den Hintergrund rücken kann: Die Mensen in Rostock sind gut – sehr gut sogar. So landete die Mensa Süd in einer Auswertung der Google-Rezensionen auf dem deutschlandweiten 1. Platz, die Ulmenmensa schnitt deutschlandweit auf dem 11. Platz ab[1].
Überhaupt – wie gut die Mensen sind, zeigt sich vor allem im Vergleich zu anderen Unistandorten. Dort ist es aufgrund hoher Preise, schlechter Essensqualität oder eines Mangels an Kapazitäten nicht unüblich, die örtliche Mensa weiträumig und kollektiv zu meiden. Solche Umstände sind in Rostock nahezu unvorstellbar, so werden laut dem Studierendenwerk an einem durchschnittlichen Wochentag in allen Mensen ganze 4.000 Portionen ausgegeben.
Dabei zeichnen sich die Rostocker Mensen keineswegs nur durch die gute Essensqualität aus. Mehrere Standorte, lange Öffnungszeiten vom Frühstück bis zum Abendessen sowie ein breites Essensangebot – die Rostocker Mensen sind in vielerlei Hinsicht sehr studierendenfreundlich.
„Die Mensa ist mehr als nur ein Ort an dem gegessen wird, es handelt sich um einen zentralen Ort des Austauschs für Studierende“. Zu dieser Aussage gelangte die Ministerin für Wissenschaft in Mecklenburg-Vorpommern, Bettina Martin, am Rande einer Pressekonferenz zur Zukunft der Mensa Süd. All den zuvor aufgeführten Rahmenumständen zum Trotz – im Endeffekt lebt jede Mensa davon, was die Menschen aus ihr machen. Wenn man die Essenz des Studierendenlebens finden will, sollte man vermutlich in den Mensen mit dem Suchen beginnen. Mensen sind die Schnittstelle zwischen Unialltag und Privatem, Kommiliton*innen und Freund*innen, Lernen und Kennenlernen. An kaum einem anderen Ort auf dem Campus treffen Studis aus so unterschiedlichen Studienrichtungen aufeinander. Diese Vielfalt zeichnet das Unileben aus, das so viel mehr ist, als nur studieren und Weiterbildung.
Doch gerade diese im Uniumfeld so zentrale Institution der Mensa ist bedroht. Personalmangel, knappe Finanzierungsmöglichkeiten und ein Anstieg an Lebensmittel- und Energiepreisen setzen dem Studierendenwerk als Betreiber der Mensen zu. Spätestens die Aufhebung der Samstagsöffnung an der Südmensa zeigt erste Konsequenzen der schwierigen Umstände.
Dazu gesellen sich unerwartete Probleme: vor kurzem wurde für viele Studierende überraschend publik, dass die Mensa Süd im nächsten Jahr abgerissen wird und durch einen Neubau ersetzt werden soll. Bauliche Mängel, vor allem im Brand-, Arbeits- und Hygieneschutz, lassen eine Sanierung unrentabel und damit ein Abriss unausweichlich erscheinen. Dass solch ein drastischer Schritt für ein gerade einmal 27 Jahre altes Gebäude notwendig ist, sendet ein widersprüchliches Signal im Hinblick auf die ausgerufene Nachhaltigkeit. Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang die Aussage vom Geschäftsführer des Studierendenwerks Rostock-Wismar, Kai Hörig. Dieser bekräftigte, dass der Neubau nur aufgrund des Sondervermögens des Landes gebaut werden könne, da die Kassen beim Studierendenwerk leer seien und daher keine finanzielle Beteiligung von Seiten des Studierendenwerks möglich wäre. Zuschüsse des Studierendenwerks wären daher nur realisierbar, indem Preise in den Mensen erhöht werden oder die Semesterbeiträge angehoben werden. Dies ist vonseiten des Studierendenwerks nicht beabsichtigt – so muss der Neubau nun mit den eher knapp bemessenen Geldmitteln des Sondervermögens auskommen, jedoch sind dafür auch keine Kostensteigerungen für Studierende zu erwarten.
All diese vorhandenen und aufkommenden Probleme zeigen die strukturellen Probleme der Mensen. Die Situation ist angespannt und eine Erleichterung ist mittelfristig nicht absehbar. Anpassungen des Preises oder der Öffnungszeiten können zwar die Umstände des Studierendenwerks verbessern, sind aber keinesfalls im Interesse der Studierenden und Besuchenden.
Ein Zielkonflikt, der sowohl eine studifreundliche Mensa mit hochwertigem Essen, langen Öffnungszeiten und günstigen Preisen, als auch wirtschaftlich und finanziell verträglichen Bedingungen für das Studierendenwerk umfassen soll. Ein Balanceakt, der durch Eingriffe in das existierende Mensaangebot zwar den Druck für das Studierendenwerk senken könnte, jedoch auch andere Probleme aufkeimen ließe.
Beispielsweise würden Verkürzungen der Öffnungszeiten oder eine Preiserhöhung den Unistandort Rostock in seiner Attraktivität entwerten und für die Studierenden weitreichende Folgen mit sich bringen. Denn ohne die Grundvoraussetzungen des günstigen und breiten Essensangebots sowie der ausgedehnten Öffnungszeiten verteilt auf mehrere Standorte wäre die Mensa in mehrerlei Hinsicht nicht mehr für alle zugänglich: finanziell, zeitlich und räumlich.
Sollte die Mensa als Begegnungsort derartige Barrieren im Zugang für einige Personen aufweisen, kann kein inklusiver Raum für sozialen Austausch entstehen. Dabei sind es gerade solche öffentlich gut erreichbaren Orte der Begegnung, die sich positiv auf die Umwelt auswirken. Nach einigen Studien minimieren öffentliche Orte der Begegnung Einsamkeit und Stress, und können so zugleich daraus resultierende Probleme vorbeugen[2] [3]. Daher wäre gerade in Zeiten, in denen Einsamkeit und Isolation zunimmt, die Mensa als öffentlich zugänglicher Ort der Begegnung so wichtig wie eh und je.
Es zeigt sich deutlich, dass hervorragende Mensen keine Selbstverständlichkeit sind, sondern das Resultat von optimalen Rahmenbedingungen und politischem Willen. Doch gerade diese erfolgreiche Kombination gerät zunehmend in Bedrängnis. Die baufällige Mensa Süd sowie finanzielle und personelle Engpässe erschweren die Arbeit des Studierendenwerks in der Sicherstellung guter Mensen.
Es wird spannend zu beobachten sein, wie diese Herausforderungen angegangen werden. Es steht zumindest viel auf dem Spiel: eine Operation am Herzen des Campus Südstadt und der Attraktivität des gesamten Unistandortes Rostock.
[1] Der große Mensa-Check: Wo Deutschlands Studierende am besten essen. https://www.jobmehappy.de/mensa-ranking-2026/
[2] Jessica Finlay, Michael Esposito, Min Hee Kim et al.,
Closure of ‘third places’? Exploring potential consequences for collective health and wellbeing. Health & Place, Volume 60, 2019, 102225. https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2019.102225.
[3] Laura McGrath, Marlee Bower, Kylie Valentine et al., Active public spaces can protect against multiple dimensions of loneliness: Qualitative evidence from an Australian sample in the COVID-19 pandemic. Health & Place, Volume 96,2025, 103567. https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2025.103567.
