Von 22 auf 16 – Von der Rückentwicklung zum „Kind sein“

von Felicitas Ehmig. Illustration: Rosa Staiger.

Als ich 2017 mein Studium in Rostock begann, konnte ich es kaum erwarten, endlich von zu Hause auszuziehen. Versteht mich nicht falsch: Es ist nicht so, dass ich mich bei meiner Familie nicht wohl fühlte, ganz im Gegenteil. Die Aussicht aber, mit anderen Leuten meines Alters zusammenzuleben, zu Student*innen-Partys zu gehen, wann immer ich wollte, ohne die Frage zu hören, ob und wann ich nach Hause komme, war erfrischend und gab mir das Gefühl der Selbstbestimmtheit. Ich wurde nicht enttäuscht, mein neues Leben in Rostock war großartig: ich fand neue, tolle Freund*innen, einen passablen Nebenjob und mein Studium war interessant. Es ist nicht so, dass ich in meinem bisherigen Leben im elterlichen Haushalt nicht hilfsbereit war, dennoch habe ich mich vorzugsweise erst in Bewegung gesetzt, wenn nach mir gerufen wurde. Daher fielen mir peu à peu die „negativen“ Aspekte des Alleinlebens auf: der Kühlschrank füllte sich nicht mehr „von allein“, meine mehrfachen Gänge, um zu überprüfen, ob ich nicht doch noch etwas Leckeres übersehen hatte, waren zwecklos. Auch das Bad schien sich nicht mehr „von selbst“ zu reinigen, dafür hatte ich nun Putzpläne zu befolgen. Den allzu vertrauten Ruf „Komm runter, es gibt Abendbrot“ begann ich allmählich zu vermissen. Ich gewöhnte mich zwar daran und ich habe den Auszug alles andere als bereut, dennoch lernte ich erst in Abwesenheit meiner Eltern die alltäglichen Dinge zu schätzen, die sie für mich getan hatten. Immerhin machte ich in den zwei Jahren eine Veränderung durch: Von einer relativ faulen und verwöhnten Socke entwickelte ich mich zu einer tüchtigen Putzfee und altbewährte „Hausfrauentipps” sind mir nun nicht mehr fremd.
Durch die Corona-Krise war ich gezwungen, ungeplant zwei Monate im Haus meiner Eltern zu verbringen. Es dauerte nicht lange, bis sich alte Verhaltensmuster wieder einpendelten: Es lagen nicht nur überall meine Sachen herum und mein Zimmer war mit dem aus Rostock nicht zu vergleichen, auch gewöhnte ich mich wieder schnell an die gelegentlichen Fußmassagen und Snackteller, die mir meine Mutter hinschob, während ich brav an meiner Hausarbeit schrieb. Kurzum: Ich schrumpfte mental von 22 zurück auf 16. Die Erkenntnis dessen traf mich unvorbereitet und ich erschrak über mich selbst. Um dem aktiv entgegenzuwirken, ergriff ich entsprechende Maßnahmen: Nun bereitete ich das Essen zu, ging einkaufen und putzte Bad und Küche. Ich habe zwar insgesamt „durchgehalten“, aber um ehrlich zu sein, musste ich mich regelrecht erinnern mitzuhelfen. Wieder in die Rolle des Kindes zu schlüpfen, war schlichtweg zu einfach und Faulheit zu angenehm.

Auch wenn ich für meine Eltern, unabhängig vom Alter, immer die „Jüngste“ sein und das Angebot für Fußmassagen in Zukunft mit Sicherheit nicht ausschlagen werde, muss ich weiterhin lernen, es mir im „Hotel Mama“ nicht wieder zu sehr gemütlich zu machen. Ich sollte öfter die erwachsenere Version meiner Selbst aus Rostock mitbringen, ich muss lediglich daran denken.  Das hat mir mein Corona bedingter Aufenthalt im Elternhaus gezeigt.

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