Warum müsst ihr älter werden?

Warum müsst ihr älter werden

Von Annabell Kretschmer // Illustration von Rosa Staiger

Seit ich vor zwei Jahren nach Rostock zog, ist mir ein Thema besonders bewusst geworden. Eine Angelegenheit, welche ich ignorierte, vor mir herschob, in der Hoffnung, dass sie mich niemals beeinflussen würde. Dabei handelt es sich nicht nur um meine eigene Sterblichkeit, sondern vor allem um jene meiner Familie.

Als ich in den vergangenen Semesterferien für eine Woche bei meiner Familie war, habe ich auch meinen Vater besucht. Zu dem Zeitpunkt wohnte meine Großmutter bei ihm, da sie nicht mehr allein leben kann. Die einfachsten Tätigkeiten fallen ihr schwer und ihre Bewegungen sind um einiges langsamer geworden. Diese Frau war für mich als Kind das Parade-Beispiel für gutes Altern. Wenn ich die Großeltern meiner Freund:innen sah, konnte ich es kaum glauben, dass meine Oma im gleichen Alter oder älter sein sollte, da sie immer fit und agil war. Doch in den letzten drei Jahren konnte ich schon erahnen, dass dem nicht mehr so war. Auch wenn es sich nun hart anhört, aber sie hat abgebaut. Sie sagte Verabredungen mit mir und meiner Schwester zunehmend ab und bei Familienfeiern blieb sie auffällig still.

Jedoch ist es viel erschreckender für mich zu sehen, dass meine Eltern ebenfalls nicht mehr am Zahn der Zeit nagen und sich über Schmerzen und das Alter beschweren. Meine Eltern nicht mehr Tag täglich zu sehen und ihnen bei technischen Fragen zur Seite zu stehen, ist aus der Ferne jedes Mal nervenaufreibend, so z. B. beim Videoanruf erklären zu müssen, dass ich nur den Fußboden sehe und nicht den Bildschirm. Manchmal sind die hilflosen Beschreibungen echtes Comedygold. Aber dennoch sind es meine Eltern und sie altern zu sehen, schmerzt und macht mir Angst.

Die Psychologin und Buchautorin Gertrud Teusen beschreibt diese Furcht als das Lösen vom inneren Kind, da sich Studierende immer noch viel auf ihre Eltern verlassen, obwohl sie bereits das Erwachsenenalter erreicht haben. Denn der Safe Space, der von den eigenen Eltern geschaffen wird, scheint mit ihrem zunehmenden Alter in Gefahr zu geraten.1

Um ehrlich zu sein, möchte ich diesen Safe Space nicht verlieren, auch wenn ich gerne auf meinen eigenen Beinen während des Studiums stehe. Aber die Sicherheit zu haben, die Eltern täglich anrufen zu können und zu wissen, dass jemand da ist, ist mir unglaublich wichtig. Ich wünschte, ich könnte die Zeit einfach anhalten und meine Eltern niemals altern sehen, damit sie mich mein ganzes Leben begleiten können.

Quelle:

1https://www.caritas.de/hilfeundberatung/ratgeber/alter/pflege/was-kinder-ihre-eltern-irgendwann-fragen-muessen

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