Wettkampf der Worte

Wettkampf der Worte

Besuch beim Best of Poetry Slam im Volkstheater

Von Sabrina Scholz // Grafik von Josephin Bauer

Sie dürfen wieder um die richtigen Worte ringen, dichten, rappen und das Publikum verzaubern. Nach der langen Bühnenpause füllen die Poet:innen des Landes die Theater und sind zurück in unserer Stadt. Vor zwei Wochen fand der Best of Poetry Slam im Volkstheater statt. Präsentiert wurde die Veranstaltung von Kampf der Künste, dem größten Poetry-Slam-Veranstalter Deutschlands.

Doch was ist eigentlich ein Poetry Slam? Das ist ein moderner Dichter:innenwettstreit, bei dem die Teilnehmenden selbstgeschriebene Texte in kurzer Zeit vortragen und anschließend vom Publikum bewertet werden. Es geht hier also nicht um eine triviale offene Bühne, sondern einen fulminanten Wettbewerb zwischen den Poet:innen. Das Ziel besteht darin, das Auditorium mit den vorgetragenen Texten zu überzeugen und zu siegen.

Diese Art der Veranstaltung ist nicht gerade neu, sondern entstand schon im Jahr 1986 in den USA. Der Gedichteschreiber Marc Kelly Smith wollte Literatur für die gesamte Gesellschaft erfahrbar machen. Er entwickelte eine wöchentlich stattfindende Veranstaltung in der Jazzbar Green Mill in Chicago, in der Personen ihre Texte vor einem Publikum präsentieren konnten. Das Format wurde immer mehr zum Wettstreit, da Smith das Publikum für eine Bewertung in die Show einbezog. Diese Idee war zunächst als ein Lückenfüller gedacht und entwickelte sich immer mehr zur Hauptattraktion der Show, so wie es heute bei jedem Poetry Slam üblich ist.

Der Name der Veranstaltung stammt aus dem Englischen und setzt sich aus den Wörtern poetry (dt.: Dichtung) und to slam (dt.: schlagen) zusammen. Das letztere Wort wird im Englischen vor allem im Kontext sportlicher Großveranstaltungen verwendet (z.B. The Grand Slam). Davon ließ sich der Begründer des Poetry Slams Marc Kelly Smith inspirieren. Bei einem Interview wurde er von einem Journalisten gefragt, wie das Format heiße und schaute nebenbei ein Baseballspiel im Fernsehen. Laut Smith sei der Name wegen des Wettbewerbscharakters und der energetischen Spannung passend. Seit 1996 finden auch in Deutschland regelmäßig Poetry Slams statt. Zuerst in den Großstädten München, Frankfurt am Main und Düsseldorf – heute auch in anderen Städten, wie z.B. Rostock (Quelle).

Bei dem Best of Poetry Slam im Volkstheater stellten insgesamt fünf Slamer:innen aus ganz Deutschland ihr Können unter Beweis: Aidin Halimi, Selina Seemann, Lucia Lucia, Jann Wattjes und Leticia Wahl. Für die Kandidat:innen gibt es bei diesem Wettbewerb drei essenzielle Regeln, die eingehalten werden müssen, um nicht disqualifiziert zu werden: 1. Die Texte müssen von den Interpret:innen unbedingt selbstverfasst werden. 2. Für alle gilt ein Zeitlimit, welches je nach Wettbewerb von fünf bis zehn Minuten variieren kann. 3. Es dürfen keine Requisiten oder Kostüme verwendet werden, die von dem Gesagten ablenken könnten.

Bei der Auswahl der Inhalte sind allerdings keine Grenzen gesetzt – egal ob Prosa, Lyrik, gereimt oder ungereimt, lustig, ernst oder gesellschaftskritisch. Beim Best of Petry Slam wechselten die Themen also so schnell, wie die Kanditat:innen. Aidin Halimi beschwerte sich über die Schwierigkeit der deutschen Sprache, Selina Seemann war genervt von ungewollten Dick-Pics und Lucia Lucia hat ihre persönlichen Erfahrungen mit Dating-Apps präsentiert. Jann Wattjes kritisierte auf satirische Weise den Rechtsradikalismus in Deutschland und Leticia Wahl machte sich über die Texte der deutschen Pop- und Schlagermusik lustig. Die Wahl der Worte und das Sprechtempo können bei einem Poetry Slam ebenso unterschiedlich sein, wie die Thematiken. Das Jonglieren mit der deutschen Sprache zeichnet diesen Wettbewerb aus.

So richtig spannend und unterhaltsam wurde die Veranstaltung jedoch erst durch die Zuschauer:innen. Diese mussten schließlich die Auftritte bewerten! In der ersten Runde durften fünf zufällig ausgewählte Personen aus dem Publikum ihre Benotung abgeben. Ihnen stand eine Skala von 1 bis 10 Punkten zur Verfügung. Dabei waren auch die Kommastellen wichtig, die am Ende über Sieg oder Niederlage entschieden. War der Text grottenschlecht oder war es die beste Geschichte aller Zeiten? Von den fünf Wertungen wurden die beste und die schlechteste Punktzahl gestrichen. Die anderen drei wurden zusammengezogen und daraus ergab sich ein Ergebnis, das über den Einzug ins Finale entschied.

Dort standen sich zwei Personen gegenüber, die weniger Zeit als in der ersten Runde hatten, um einen weiteren Text zu präsentieren. Im Finale entschied das Publikum per Applaus und entsprechender Lautstärke über den:die Sieger:in. Das zeigten sie am besten, indem sie laut klatschten, jubelten oder stampften – alles war erlaubt. Im Volkstheater konnte sich Selina Seemann mit einem emotionalen Text über ihr eigenes Leben gegen den Herausforderer Aidin Halimi durchsetzen und die silberne Hantel von Kampf der Künste als Trophäe mit nach Hause nehmen.

Quelle:

Babl, Marina: Marc Kelly Smith und die Entstehung des Poetry Slams, in: Literaturportal Bayern, URL: https://www.literaturportal-bayern.de/themen?id=1353&task=lpbtheme.default [Zugriff am: 05.05.22].

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