Wenn der Film dem Essay die Hand reicht

„The Aesthetics of Fascism“: Wie der YouTube-Algorithmus ein Leben verändern kann.

Zusammenfassung

Ein zufälliger Treffer im YouTube-Algorithmus statt der üblichen belanglosen Berieselung: Dieser Text erzählt vom überraschenden Fund der tiefgründigen Video-Essays von Ben Hoerman. Ben verbindet Mediendesign mit Leidenschaft zum Film als Medium, um komplexe politische Themen wie die Ästhetik des Faschismus oder die Manosphere greifbar zu machen. Vom ersten Impuls nach dem Studium über die Doppelbelastung aus Vollzeitjob und aufwendiger Recherche bis hin zum Mut, sich ganz auf YouTube zu konzentrieren – der Text gibt Einblicke in Bens Arbeitsweise, seinen künstlerischen Anspruch und sein neuestes Projekt zur deutschen Erinnerungskultur. Ein ehrlicher Blick auf ein Format, das nicht nur unterhält, sondern nachhaltig zum Nachdenken und Hinterfragen anregt.

Von Jonathan Pfeufer // Bild bereitgestellt von Ben

(Mehrere Inhalte, die im Artikel genannt werden und verlinkt werden konnten, werden am Ende ergänzt. )

Ich schaue aus dem Fenster und sehe die beleuchteten Zimmer der anderen Bewohner:innen des Studierendenwohnheims auf der anderen Seite des Platzes. Der Tag ist bereits zum Abend geworden und ich hänge schon wieder übermäßig lange auf der Plattform rum, die mir tagtäglich minderwertiges Dopamin verspricht und verlässlich liefert. Die momentane Bewegtbildproduktion rauscht teilnahmslos an mir vorbei, während ich in den Vorschlägen immer weiter nach unten scrolle, um mir den nächsten, mein Leben nicht sonderlich voranbringenden Content auszusuchen. Mit fast schon gähnender Langweile und einem ungeheuren Maß an Desinteresse. Hätte ich doch lieber gleich ein Buch gelesen, statt hier Lebenszeit zu verschwenden..

Beim Scrollen stolpert mein Blick aber plötzlich über ein Video mit auffälligem Thumbnail. Auffällig, weil es überhaupt nicht dem Standard meiner Empfehlungen entspricht. Darunter steht: Von YouTube empfohlen. Der Titel dieses Videos lautet: The Aesthetics of Fascism von Ben Hoerman. Mit 25 Minuten Laufzeit ein Video, auf das man sich einlassen muss. Normalerweise sind die Videos, die ich täglich konsumiere, maximal 20 Minuten lang. Den Namen des Creators hatte ich so auch noch nie gehört.

Doch irgendwas sagte zu mir, dass ich dieses Video schauen sollte, irgendwas zog mich an und ich habe keinen Moment davon bereut, keine einzige Lebensminute an Zeit fühlte sich vergeudet an. Ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt. Es war aber mehr als Unterhaltung, etwas das mich nicht gleich losließ. Es fühlte sich nicht sofort belanglos an, erzeugte keinen kurzen Kick, sondern vielmehr eine nachhaltige intellektuelle Stimulation, die nur selten von den täglichen Dingen geliefert wird, mit denen man sich abzulenken oder zu unterhalten sucht.

Never meet your Heroes?

Kurzerhand fand ich mich in dem zweiten Teil des Videos wieder: The new Aesthetics of Fascism. Mit über 42 Minuten ein noch wesentlich größeres Commitment als noch beim ersten Video, dennoch enttäuschte auch dieser halbe Film auf keiner Linie und bereitete mir ebensolche Freude wie bereits das erste Video. Da begann auch etwas in mir zu keimen, der Wunsch oder besser das Mitteilungsbedürfnis, über diesen Fund in den Gruben des Youtube-Algorithmus zu sprechen, sich auszutauschen und zu diskutieren. Es handelt sich bei den Videoformaten vornehmlich nicht um Konfrontationsunterricht über Faschismus, sondern um einen künstlerisch aufgeladenen Video-Essay.

Einige Wochen später (und meine mediale Macht als Ressortleitung ausnutzend) finde ich mich in einem Zoom-Meeting wieder, um mit demjenigen über seine Videos sprechen zu können, der für diese, mich sehr bewegende Bewegtbildproduktion verantwortlich war: Ben. Da er selbst Teil seiner Videos ist und nicht nur eine Tonspur einspricht, hatte ich bereits ein Bild von ihm bekommen und lief Gefahr, dass die Dinge, die ich möglicherweise unterbewusst auf ihn projiziert hatte, überhaupt nicht der Realität entsprachen und ich am Ende womöglich sogar enttäuscht werden würde.

Der Zahn wurde mir aber schnell gezogen. Mir saß virtuell jemand auf Augenhöhe gegenüber. Jemand, der sich über mein Interesse ähnlich zu freuen schien, wie ich mich über seine Videos freute. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann hatte ich schon einen kleinen Fan-Moment, den ich aber ganz professionell überspielen konnte. Ich habe zwar keinen Helden getroffen, was als Statement weiter überspannt wäre, aber dennoch jemanden, den ich bewundernswert finde, und wurde nicht enttäuscht.

Vom Master zum YouTube-Durchbruch

Es ist eine Geschichte, wie sie sicher einige erzählen könnten.  Ben führte seit 2019 einen englischsprachigen Instagram-Account, der sich mit Filmrezensionen beschäftigte. Damit baute er auch eine kleinere Community an Filmbegeisterten auf. Während 2021 und der Corona-Pandemie startete er dann einen englischen Stream für Menschen, die seine Begeisterung für Filme teilten. Damit legte er den Grundstein für den Menschen, der er heute ist.

Bereits früh bemerkte Ben, dass er eine Leidenschaft für das Filmmedium besitzt und wollte das auch zu seinem Beruf machen. Doch nach der Schule war er sich nicht sicher, ob seine Leidenschaft groß genug gewesen wäre. Darum entschied er sich, von einem Freund empfohlen, für ein Studium im Bereich Mediendesign plus Schwerpunkt Film. Für ihn war das der perfekte Weg, um beides miteinander zu vereinen, berufliche Sicherheit und Leidenschaft. Aus dem Bachelorstudium, machte Ben im Anschluss dann auch einen Master im Bereich Medienforschung. Mit diesem Schritt sollte dann auch der Grundstein für seine YouTube-Karriere gelegt werden.

Die Masterarbeit ist heute nämlich auch auf YouTube zu finden: Enter the Manosphere. In der Zeit von 2023/24, der Hochphase von Andrew Tate und seiner medialen Omnipräsenz, begann Bens Interesse für die Mechanismen dieser Bewegung. Es folgte eine stärkere Politisierung und die Idee für die Masterarbeit einen Video-Essay zu diesem Thema zu machen. Mit dem Format wollte Ben eine Brücke schlagen zwischen Politik, sozialen Themen und Problemen sowie der Gestaltung durch den Film.

„Durch Filmgestaltung kann man sehr komplexe Themen gut vermitteln und emotional aufladen, ohne dass die Distanz verloren geht oder es zu reißerisch wird.“

Von 200 zu 200.000 Views über Nacht

Nach Enter the Manosphere entschied sich Ben, weiter Videos zu produzieren und hochzuladen. Alle zwei Monate sollte ein neues Video-Essay entstehen. Während der Zeit bis zum Essay The Aesthetics of Facism entstanden so noch vier weitere Videos und heute (18.09.2026) sind insgesamt 12 Video-Essays hochgeladen. Während Ben eine Vollzeitstelle als Designer angenommen hatte, blieb er weiter dran. In Doppelbelastung produzierte er die aufwendigen Videos, die neben einmonatiger Recherche auch nochmal einen Monat in der Produktion dauerten.

Ich bin deshalb von meiner Vollzeitstelle auf Teilzeit gegangen, weil die Doppelbelastung zu viel wurde. Inzwischen habe ich mich dazu entschieden, den Job ganz zu kündigen und mich voll auf YouTube zu konzentrieren. Es ist extrem erfüllend.

Ben kam mit seiner Strategie, eine gewisse Sicherheit aufrechtzuerhalten und sowohl seiner Leidenschaft, als auch seinem Job nachzugehen, an Grenzen. Die Aufmerksamkeit und seine Fans, die ihn per Crowdfunding unterstützen, geben ihm aber nun die Möglichkeit, dem nachzugehen, was ihn am Ende erfüllt: Seine Videos zu produzieren. Der Spagat zwischen Privatem und der Arbeit und die Unsicherheit, die YouTube mit sich bringt, bleiben natürlich ein Thema.

Ben geht es aber erstmal darum, politische Themen spannend zu vermitteln und dadurch einen Mehrwert zu schaffen. Wichtig ist, die Balance zu halten, zwischen Online-Kulturkampf und echtem Inhalt. Er möchte auch einen Beitrag leisten, dass sich Leute mit politischen Themen auseinandersetzen in einer ansprechenden Art und einem vertrauten Medium.

Handwerkszeug

Die Essays stammen aus der französischen Literatur und sind stark mit dem Namen Michel de Montaigne verbunden. Seit dem 16. Jahrhundert stehen sie für eine subjektive Auseinandersetzung mit Themen, die den Autor beschäftigen. Das ändert sich auch bei Bens Video-Format nicht. Themen, die ihn interessieren, bilden den Ausgangspunkt für ein neues Video, danach geht es in die gründliche Recherche, die auch über KI-Modelle wie Claude unterstützt wird, wie Ben erzählt.

Nach der Recherche entsteht das Skript, dass genau regelt, welche Szenen, wie umgesetzt werden sollen. Es enthält Angaben zur Stimmung und Inhalt der Szenen und dient als Leitfaden für die spätere Produktion. Nach dem Filmen der reinen Szenen, geht es dann an die Nachbearbeitung und das eigentliche Handwerk des Videodesigners beginnt. Ben achtete sehr stark darauf, welche Stimmung seine Themen stützen oder hervorrufen. Er möchte diese mit Musik stützen, dabei aber keine Manipulation erzeugen. Wie man über das jeweils Gezeigte denkt, soll frei interpretierbar sein, ohne dabei die szenische Stimmung aufgeben zu müssen.

Wie das bei Essays der Fall ist, stellt jeder Video-Essay ein kleines Gesamtkunstwerk dar, wozu Ben folgendes ergänzt:

Ursprünglich hatte das auch einen pragmatischen Grund: Es ist extrem schwer, auf YouTube aus der Masse herauszustechen. Ich habe nach meinem Alleinstellungsmerkmal (USP) gesucht und mein Film-Know-how genutzt, um eine Brücke zwischen klassischem Filmemachen und dem Genre des Video-Essays zu schlagen. Es freut mich, wenn dieser künstlerische Wert wahrgenommen wird.

Handwerk, Ästhetik und Kunst wollen hier ein Produkt entwickeln, welches unterhalten, informieren und einen künstlerischen Anspruch erheben möchte. Alle Videos haben einen persönlichen Kern und den möchte Ben weder verstecken, noch dokumentarisch übergehen. Es bleibt seine Sicht und seine Meinung zu den Themen, die aber begründet, recherchiert und gestützt werden. Es soll jeder in der Lage sein, die Freiheit zu haben, selbst darüber nachdenken zu können. Das macht Bens Arbeit auch für mich so reizend. Man kommt mitunter nicht drum herum, über das doch meist sehr Ernste nachdenken zu müssen, ganz gleich, ob man Bens Meinung teilt oder nicht.

Was die Zukunft bereithält

Ben arbeitet momentan an einem sehr aufwendigen Projekt, das ähnlich wie die Faschismus-Videos, eine Reihe bilden soll. Dabei soll es um Deutschlands Erinnerungskultur gehen, sowohl der innen- wie außenpolitische Umgang damit. Beginnen soll die Reihe mit einem Video zur Israel-Politik und der Komplexität zur Deutschen Geschichte. Da es sich dabei um ein sehr umfangreiches und heikles Thema handelt, wird es wohl auch noch etwas dauern, bis das Video online kommt. Die Recherche zu dem Thema soll nicht leichtfertig erfolgen, vor allem unter Anbetracht der Ereignisse in Israel der letzten Zeit.

Wer nicht blindlings durch die aktuelle Medienkultur stolpern will und sich bewusst vor Augen führen möchte, womit sich unter anderem faschistische Ästhetik auseinandersetzt, dem kann ich das Video von Ben nur sehr ans Herz legen. Vor allem in Zeiten, in denen sich der Wahlkampf auch stark verändert hat, Symbole missbraucht oder umgedeutet und verändert werden, sollte man immer auch hinter die Fassade blicken, um die Mechanismen zu verstehen, die dahinterstehen.

Bleibt wachsam und werdet nicht müde, die Dinge um euch herum zu hinterfragen. Wer blind alles akzeptiert oder nicht hinterfragt, macht sich letzten Endes nur zum Komplizen jener Mechanismen.

Vielen Dank an Ben!

Links:
Bens Hauptkanal: Ben Hoerman – YouTube
Bens Deutscher Zweitkanal: Ben Hoerman DE – YouTube
The Aesthetic of Fascism: The Aesthetics of Fascism
The New Aesthetic of Fascism : Die neue Ästhetik des Faschismus

Enter the Manosphere: Enter the Manosphere

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