Du Windows, ich Linux, wir beide Betriebssysteme – Autisten in der Welt von Neurotypischen

von Jolissa Rusin.

Autismus ist keine psychische Störung, sondern wird als Entwicklungsstörung charakterisiert und ist nach dem österreichischen Mediziner Hans Asperger benannt. Autismus ist das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. Erstmalig im Jahr 1908 beschrieb der Schweizer Psychologe Eugen Bleuler das Symptom des Vorhandenseins eines Binnenlebens mit aktiver Abwendung von der Außenwelt als Autismus. Als Schizophrenieforscher und Einführer der Psychoanalyse in die Psychiatrie spricht er dieses Symptom der Selbstbezogenheit zu und ordnet es daher damals fälschlicherweise der Schizophrenie zu, einer Wahrnehmungsstörung. Im Jahr 1943 wurde der medizinische Begriff des frühkindlichen Autismus von dem Psychiater Leo Kanner publiziert, der nach ihm auch Kanner-Autismus genannt wird. Erst vor ungefähr 55 Jahren wurde Autismus als eigenständige Entwicklungsstörung anerkannt. Obwohl oft von Krankheitsbild und Symptomen gesprochen wird, ist die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) keine Krankheit. Autismus ist eine angeborene neurologische Differenz, die dazu führt, dass unser Nervensystem, sowohl unser Körper als auch unser Gehirn, Reize auf eine Weise aufnimmt und verarbeitet, die sich von den meisten Menschen unterscheidet. Statt Krankheit wird empfohlen den Autismus eher als eine Art Ausprägung oder Form einer versteckten Behinderung anzusehen, denn es kann nicht immer eindeutig diagnostiziert werden, ob jemand sie hat oder nicht. Autismus ist eine so unterschiedliche Störung. Es gibt schlecht funktionierende autistische Kinder und hoch funktionierende autistische Kinder. Während einige Kinder möglicherweise geistige Behinderungen haben, sind viele nicht von geistigen Behinderungen betroffen. Wissenschafter haben festgestellt, dass Autismus nicht durch eine schlechte Elternschaft verursacht wird, auch wenn die genaue Ursache von Autismus immer noch nicht geklärt ist. Autismus wird nicht ausschließlich durch Umweltfaktoren verursacht. Es wurde festgestellt, dass die Genetik höchstwahrscheinlich eine Rolle bei der Geburt eines Kindes mit Autismus spielt, jedoch nicht immer. Des Weiteren konnte auch der Verdacht, dass Autismus durch Impfstoffe verursacht wird, durch Wissenschaftler vor fast einem Jahrzehnt ausgeschlossen werden. Laut der Forschung findet bei Autisten eine fehlerhafte Verarbeitung der Sinnesdaten im Gehirn statt, da die Nervenzellen untereinander falsch kommunizieren. Um das zu vermeiden, greifen Autisten auf stereotypische Handlungsmuster zurück, um sich von der seelischen Unruhe zu schützen und sich selbst zu beruhigen. Nach dem neusten diagnostischen Standpunkt werden alle unterschiedlichen Diagnosen wie Asperger, frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus unter Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Da es sich, wie im Namen steckt, um ein Spektrum handelt, erfüllen somit unterschiedliche Autisten unterschiedliche Kriterien. Auch bei einer Person sind diese nicht konstant, sondern können sich mit dem Alter, der Umgebung usw. verändern. Menschen mit Autismus sind bereit, sinnvolle soziale Beziehungen aufzubauen. Es mag für sie schwieriger sein, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, aber viele sind dazu in der Lage. Jeder empfindet es anders und Autisten können es nicht einfach ausblenden, denn anders als durch die Medien verbreitet, fühlen Autisten nicht zu wenig, sondern zu viel. Sie bekommen schneller eine Reizüberflutung als Neurotypische. Weniger blinkende Werbung, bessere Ausschilderung, Geräuschbeschallung im öffentlichen Raum würden autistischen Menschen den Alltag deutlich erleichtern. Menschen mit Autismus können zwar drastische Verbesserungen vornehmen, doch Autismus kann nicht geheilt werden. Unikliniken bieten einen Service an. Außerdem gibt es städtische Beratungsstellen. Eine Hilfeleistung ist die in Anspruchnahme einer Verhaltenstherapie, in der autistische Menschen lernen, wie sie es noch verstehen könnten, außer auf die Weise, wie sie es verstehen. Ebenso Haustiere sind für Menschen mit Autismus hilfreich, weil sie ihnen beim Sozialisieren helfen. Besonders Hunde können bei der Führung von autistischen Menschen mit geringerer Funktionsfähigkeit hilfreich sein.

Autismus aus der Fremdperspektive – Mein kleiner Bruder ist Autist

Wie erging es dir und deiner Familie, nachdem ihr von der Diagnose deines Bruders erfuhrt?

Als ich achzehn Jahre alt war, wurde bei meinem Bruder eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. Nach der Diagnose hörte meine Mutter auf zu arbeiten, um ihm zu helfen. Als Fünfzehnjähriger war er damals ständig in Therapie. Er hat seitdem einen langen Weg zurückgelegt. Er studiert und spielt wahnsinnig gut Klavier. Mein Bruder kann sich Melodien sehr gut merken. Beim Klavierspielen benötigt er keine Noten. Er kann direkt ein Lied wieder hervorrufen und es spielen, ohne es geübt zu haben. Ich weiß, dass er immer noch seine täglichen Herausforderungen hat, aber ich denke, dass er sehr erfolgreich sein wird. Einen jüngeren Bruder mit Autismus zu haben, hat mich gelehrt, sehr geduldig zu sein. Es hat mir viel über Autismus beigebracht, dem ich sonst nicht ausgesetzt gewesen wäre. Ich hoffe, einige meiner persönlichen Erfahrungen zusammen mit den Herausforderungen teilen zu können. Mein Bruder ist eine erstaunliche Person und ich habe nichts als Respekt vor ihm.

Welche Behandlungen haben im Laufe der Jahre am meisten geholfen?

Meiner Meinung nach half die angewandte Verhaltensanalyse und die Sprachtherapie, als er jünger war. Die positive Interaktion mit sich normalerweiseentwickelnden Kindern war ebenfalls gut. Manchmal können verschreibungspflichtige Medikamente bei Angstzuständen und Depressionen aufgrund der damit verbundenen Symptome des Asperger-Syndroms helfen.

Welche sind tägliche Ängste, die du hast?

Ich sorge mich um seine Zukunft. Was wird passieren, wenn ich weg bin? Welche Art von Arbeit wird er haben? Wer wird sich um ihn kümmern?

Was ist das Schwierigste am Umgang mit Autismus, dass viele Menschen nicht erkennen?

Einige der falschen, vorgefassten Vorstellungen der Menschen darüber, was es ist. Missverständnisse darüber, was Autismus ist, sind wirklich das Schlimmste. Unwissenheit ist sehr frustrierend. Das Schwierigste am Umgang mit meinem Bruder ist, dass er die Gefühle oder Emotionen anderer Menschen anders versteht.

Atypischer Autismus

Autistische Kinder mit atypischem Erkrankungsalter weisen alle Merkmale eines frühkindlichen Autismus auf, die bei ihnen aber erst nach dem 3. Lebensjahr auftreten. Oft bezieht sich das atypisch aber darauf, dass Betroffene eine normale, altersangemessene Sprachentwicklung aufweisen.

Frühkindlicher Autismus

Der frühkindlicher Autismus, auch Kanner-Autismus, Kanner-Syndrom oder infantiler Autismus genannt, beschreibt das Auftreten der Merkmale, die vor dem 3. Lebensjahr auftreten..

Niedrigfunktionaler Autismus

Beim niedrigfunktionalen Autismus liegt eine ausgeprägte Verzögerung der Sprachentwicklung vor, wodurch die Intelligenz fälschlicherweise zu niedrig eingeschätzt werden kann.

Hochfunktionaler Autismus

Ein Hochfunktionaler Autist ist im Erwachsenenalter nicht von Asperger-Autisten zu unterscheiden, wobei die autistischen Symptome aber ausgeprägter als beim Asperger-Syndrom sind.

Anlaufstellen:

Autismus Deutschland e.V. Beirat aus vier bis fünf Autisten

– Aspies e.V. – Selbsthilfeorganisation von und für Menschen im Autismusspektrum

Im Rahmen meines Artikels zu dem komplexen Thema des Autismus, insbesondere des Asperger-Syndroms, wollte ich zum einen Informationsarbeit leisten und zum anderen mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Andersartigkeit, egal, wie diese Andersartigkeit aussieht, erzielen. Ich wünsche mir, dass nicht-autistische Menschen neugierig werden, die Erfahrungswelt von autistischen Menschen zu verstehen, nicht nur zu überfliegen. Jedes Individuum muss einzelnt angeschaut werden, egal ob autistisch oder nicht. Mir persönlich ist es wichtig, zu gucken, ob das, was ich gerade glaube, was war zu sein scheint, wirklich so ist. Des Weiteren wünsche ich mir mehr Diagnose- und Hilfsmöglichkeiten für autistische Menschen und Möglichkeiten Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wenn du einen Autisten kennst, kennst du nicht alle, sondern genau EINEN, denn jeder von ihnen unter uns ist anders.

Quellen:

Freud, Sigmund (1912): Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen IV. Band. Leipzig und Wien: Franz Deuticke.

Martin, Danielle M. (2012): The Ever-Changing Social Perception of Autism Spectrum Disorders in the United States. Greenville: East Carolina University.

Illustration:  Jolissa Rusin

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