SOLIDARITÄT HAT GRENZEN

Carlas Kolumne

Von Carla Radtke // Illustration von Rosa Staiger

Du würdest armen Menschen ja zur Seite stehen, wenn sie es schaffen würden, einfach ein bisschen geiler auszusehen.

 „2015 darf sich nicht wiederholen“, so oder so ähnlich lautet der Tonus einiger CDU- und AfD-Politiker:innen nur wenige Stunden nach der einschneidenden Nachricht, dass die Taliban imstande waren, Kabul einzunehmen.

In einer akuten Notsituation vorschriftsgemäße und akkurate Prozesse und das eigene kleine Dasein anstelle Tausenden von Menschenleben vorzuziehen, ist für mich nicht vorstellbar und verletzt massiv Werte, die ich vertrete. Ganz abseits davon, dass der intendierte Gebrauch von „2015“ suggeriert, es gäbe eine allgemein abschlägige Konnotation für dieses Jahr. Grundsatz unserer Leben ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde aller Menschen. Und mit: „2015 darf sich nicht wiederholen“, wird die Würde angetastet – massiv.

Menschen in Not wird ganz unverhohlen nicht geholfen und die Notlage der afghanischen Bevölkerung verkannt, weil es offenbar etwas Wichtigeres gibt, als alles in unserer Macht Stehende zu tun, um zur Hilfe zu eilen: den Wahlkampf. All diejenigen, die 2015 unter grausamsten Umständen ihre Heimat verlassen mussten, in Todesangst nach Deutschland kamen, hier angefeindet wurden und trotzdem unsere Sprache und kulturellen Begebenheiten lernten, werden damit nachträglich erneut degradiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

2015 hat mir gezeigt, dass Humanität/Menschlichkeit die Basis jeder Politik und politischen Agenda sein muss, denn schließlich geht es um Menschen. Stattdessen enthüllt sich ein Egoismus und unverhohlen menschenverachtend wird das eigene Wohlergehen über das Überleben anderer gestellt. Die Karriere soll schließlich laufen. Keinesfalls negiere ich hierbei die Dringlichkeit, sich mit dem Thema „Flüchtende“ auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, es ist unabdingbar, damit sich der nervenzehrende Wahnsinn der Bürokratie von 2015 nicht wiederholt. Stattdessen sollten Gespräche zwischen verschiedenen Nationen stattfinden –  wer kann wie viele Menschen aufnehmen, wer benötigt Hilfszahlungen etc.

Es sollte nicht überlegt werden, ob es nötig ist, einzugreifen und welche Folgen das für den Wahlkampf hätte, sondern klargestellt werden, dass eingegriffen werden muss. Das wäre solidarisch.

Ich sehne mich nach Zusammenhalt in der Bevölkerung. Dazu wird sicherlich eine Menge Aufklärungsarbeit gehören – der eingepflanzte Gedanke der zerberstenden Leitkultur wirkt bedrohlich, genauso wie das Bild von in unser Land strömenden Menschenmassen. (Was genau sollte eine deutsche Leitkultur überhaupt umfassen?) Man könnte „Skeptiker:innen“ durch Tatsachen überzeugen, anstatt Angst und Hetze zu schüren, die letzten Endes auch auf die innerdeutsche Politik zurückfallen wird, womit das Sichern des Wahlkampfes anstelle humanitärer Hilfsaktionen obsolet wird. Eine stark gespaltene Gesellschaft wird in der Politik früher oder später für viele klaffende Wunden sorgen.

Doch erwarte ich von Politiker:innen, dass sie in der Lage sind, anständige Arbeit zu leisten und sich keine menschenunwürdigen Fehltritte zu erlauben.

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