„Tag der Arbeit“ – Nicht nur ein Feiertag

Tag der Arbeit

von Sandeep Preinfalk // Illustration von Steffen Dürre

Seit geraumer Zeit ist der „Tag der Arbeit“ ein internationaler Kampftag, der in Deutschland und vielen anderen Ländern als gesetzlicher Feiertag gilt. Regelmäßig finden Kundgebungen und Veranstaltungen zu seinen Ehren statt. Jedoch gerät trotz diverser Feierlichkeiten und Demonstrationen die ursprüngliche Bedeutung dieses Tages immer mehr in Vergessenheit oder wird für politische Zwecke missbraucht. Um diesen Bedeutungswandel beziehungsweise Bedeutungsverlust zu verstehen, ist ein Blick auf dessen Geschichte unerlässlich.

Ursprünge in den USA

Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Forderungen amerikanischer Gewerkschaften nach besseren Arbeitsbedingungen immer lauter. Nachdem ihnen in den 1860er-Jahren die Durchsetzung des Zehn-Stunden-Tags gelang, strebten sie nunmehr die Einführung eines Acht-Stunden-Tags an. Allerdings wurden ernsthafte Bemühungen erst in den 1880er-Jahren unternommen und erreichten ihren Höhepunkt mit dem Entschluss, einen Generalstreik am 1. Mai 1886 durchzuführen. An diesem Streik beteiligten sich ungefähr 400.000 Beschäftigte aus 11.000 Betrieben der USA. Die Erfolge waren aber überschaubar und folglich setzte sich die Bewegung in Chicago fort. Dort kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizisten, die letztlich in einem Bombenanschlag auf die Polizei mündeten. Der Anschlag kostete sieben Polizisten das Leben und führte zur Verhaftung zahlreicher Arbeiter, von denen vier hingerichtet wurden. Trotz dieser erschreckenden Ereignisse wurden nach einer kurzen Pause ab 1890 wieder Kundgebungen und Streiks von den amerikanischen Gewerkschaften organisiert.

Anfänge in Deutschland

Die Geschehnisse in Chicago veranlassten den Pariser Kongress 1889, den 1. Mai in Gedenken an die Opfer als internationalen Kampftag zu betreiben. Zur selben Zeit kam in Deutschland eine besondere Stimmung auf. Wie in vielen anderen Ländern planten auch dort Gewerkschaften, am 1. Mai 1890 Demonstrationen und Streiks zu vollziehen. Die Unternehmerverbände drohten daraufhin, allen potenziellen Teilnehmern mit fatalen Folgen wie Entlassungen oder Aussperrungen zu begegnen. Trotzdem wohnten etwa 100.000 Arbeiter den Aktionen bei. Zwar konnten vorerst keine bemerkenswerten Fortschritte erzielt werden, jedoch beschloss die SPD in demselben Jahr, den 1. Mai zum „Tag der Arbeiterbewegung“ zu erklären. Fortan fanden jedes Jahr Kundgebungen und Streiks statt. Der „Tag der Arbeit“ entwickelte sich somit zum Symbol der Klassengegensätze und des sozialen Ausgleichs.

Wenngleich der „Tag der Arbeit“ während des Ersten Weltkrieges an Aufmerksamkeit und Bedeutung verlor, rückt er nach Kriegsende wieder verstärkt in den Vordergrund. Der Rat der Volksbeauftragten führte noch 1918 die Arbeitszeitverkürzung auf acht Stunden täglich mittels Gesetzes ein. Nur ein Jahr später beschloss die Nationalversammlung, den „Tag der Arbeit“ als gesetzlichen Feiertag zu behandeln. Allerdings beschränkte sich diese Regelung auf den 1. Mai 1919, da sich für ihre dauerhafte Festsetzung keine Mehrheit gewinnen ließ.

„Tag der Arbeit“ unter nationalsozialistischer Herrschaft

Der Begriff der Arbeit war wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Idealvorstellung einer vollkommenen Volksgemeinschaft. Unter Volksgemeinschaft verstand Hitler die Gesamtheit aller „schaffenden“ Arbeiter. Dieser Gemeinschaft stand das “Finanzjudentum” antagonistisch gegenüber. Im Gegensatz zur marxistisch geprägten Aufteilung der Gesellschaft in verschiedenen Klassen aufgrund des sozioökonomischen Status wurden die Volksgemeinschaft und ihre Konflikte anhand rassistischer und antisemitischer Merkmale determiniert. Für dieses Konzept waren nicht mehr soziale oder wirtschaftliche Faktoren ausschlaggebend, sondern ausschließlich der Beitrag des Einzelnen für die Gesamtheit bestimmte dessen Wert. Da die jüdische Bevölkerung aber der Arbeit gegenüber verdrossen und nur auf seinen eigenen Nutzen bedacht sei, könne sie, so Hitlers Auffassung, niemals als Teil der Gemeinschaft angesehen werden.

Im Sinne dieser ideologischen Ausrichtung war es die Folge, dass die Nationalsozialisten den „Tag der Arbeit“ umdeuteten und symbolisch vereinnahmten. Noch vor der Machtergreifung propagierten sie ihre Parole des Arbeiters und wussten die Not der Arbeiterklasse mit ihrer Ideologie zu verknüpfen. So bedienten sie sich der Rhetorik sozialistischer Gruppierungen und verschleierten gleichzeitig ihre wahren Absichten. Schließlich proklamierte Hitler kurz nach der Machtergreifung 1933 den 1. Mai zum „Tag der nationalen Arbeit“ und damit zum gesetzlichen Feiertag. Nur einen Tag später stürmten Truppen der SA und SS die Gewerkschaften und verhafteten zahlreiche Funktionäre. Künftig diente der „Tag der Arbeit“ dem NS-Regime als Vorwand für die Inszenierung von Aufmärschen und Machtdemonstrationen. Nur wenige Mutige nutzten diesen Tag, um sich Hitler entgegenzustellen und für ihre Rechte einzutreten.

„Tag der Arbeit“ heute

Der „Tag der Arbeit“ überdauerte die gesamte Zeit des Dritten Reichs. 1946 bestätigte der Kontrollrat der Alliierten den „Tag der Arbeit“ als Feiertag. Von nun an konnten wieder freie Kundgebungen und Streiks organisiert werden. Vor allem die DDR nahm den 1. Mai als Kampftag wahr und zelebrierte ihn dementsprechend mit Militärparaden und Massenauftritten. In der BRD hingegen wurden am 1. Mai abhängig von der Trendlage und den wirtschaftlichen Verhältnissen im Land mehr oder weniger aufwendige Veranstaltungen geplant, wobei sich der Kampftag hier immer mehr zum Festtag entwickelte. Seit der Wiedervereinigung wird der „Tag der Arbeit“ auch als Symbol der Einheit und Geschlossenheit interpretiert.

Obgleich der „Tag der Arbeit“ in Deutschland an Bedeutung eingebüßt hat, darf seine Rolle auch heutzutage nicht verkannt werden. Rechtsextreme wie die NPD nutzen ihn als Erinnerungsort für nationalsozialistisches Gedankengut. Er soll deren Gruppenidentität stärken und die nationalsozialistische Agenda symbolisch heraufbeschwören. Darüber hinaus sollen alle (vermeintlichen) Opfer der Globalisierung sowie Einwanderung angesprochen, mobilisiert und zum Zwecke einer nationalistischen Gegenbewegung vereint werden. Beispielsweise versuchten 2014 500 Rechtsextremisten im sächsischen Plauen betroffene Bürger für eine solche Bewegung zu begeistern, indem sie mehr Arbeitsplätze für Deutsche forderten. Derartige Demonstrationen werden auch in Zukunft vermehrt vorkommen. In Anbetracht dessen sollte niemand tatenlos zusehen und den „Tag der Arbeit“ lediglich als Erholungs- oder Urlaubstag betrachten. Vielmehr sollten wir die Initiative ergreifen und gemeinsam Widerstand gegen rechtsextremistische Propaganda oder dergleichen leisten. Überdies ist der „Tag der Arbeit“ ein geeigneter Anlass, sich seiner ursprünglichen Bedeutung zu besinnen und sich für soziale Gerechtigkeit, angemessene Löhne sowie faire Arbeitsbedingungen einzusetzen. Entsprechende Möglichkeiten zur Partizipation bieten weiterhin Veranstaltungen, Angebote sowie Kundgebungen diverser Gewerkschaften oder sozialer Bewegungen. Auch wenn man dies in Zeiten einer weltweiten Pandemie nur schwer zu realisieren vermag, so kann man es zumindest versuchen.

Quellen:

Altenmüller, Irene (2021): Maifeiertag: Wie der 1. Mai zum “Tag der Arbeit” wurde, in: NDR. https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Maifeiertag-Wie-der-1-Mai-zum-Tag-der-Arbeit-wurde,tagderarbeit134.html [25.04.2021].

Geschichte des 1. Mai: Vom Kampftag zum Feiertag, in: Deutscher Gewerkschaftsbund. https://www.dgb.de/themen/++co++d199d80c-1291-11df-40df-00093d10fae2 [25.04.2021].

Scharnberg, Harriet (2015): Tag der nationalen Arbeit, in: Martin Langebach, Michael Sturm: Erinnerungsorte der extremen Rechten. Wiesbaden: Springer VS, S.121-138.

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